Lange Zeit verstand sich Entwicklungshilfe als das Gegenteil von Weltwirtschaft. Während Entwicklungshelfer und ihre gemeinnützigen Organisationen für verbesserte Lebensverhältnisse der Ärmsten der Armen, gute soziale Bedingungen und den Einsatz alternativer Technologien sorgen wollten, sahen sie in Investitionen der Wirtschaft oft genug den Feind ihrer Anstrengungen. Ging es doch den Unternehmen nur um hohe Profite, die sie möglichst schnell in die Erste Welt zurücktransferieren wollten. Mit den sozialen Folgen solcher Investitionen musste sich hinterher die Entwicklungshilfe herumschlagen. Am liebsten wäre es ihr eigentlich gewesen, die Wirtschaft hätte ganz und gar die Finger von den Entwicklungsländern gelassen.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Entwicklungshilfe und Wirtschaft grundlegend verändert, immer öfter ist gar von einem "Paradigmenwechsel" die Rede. Heute sagt Heidemarie Wieczorek-Zeul, die erste sozialdemokratische Entwicklungshilfeministerin seit 16 Jahren, Sätze wie diesen: "Entwicklungszusammenarbeit kann durch die Beteiligung privater Unternehmen kostengünstig, effizient und in ihrer Wirkung nachhaltig sein."

Unter dem griffigen Motto "Public Private Partnership" (kurz PPP) hatte Wieczorek-Zeuls Vorgänger Carl-Dieter Spranger einen eigenen Haushaltstitel mit 200 Millionen Mark für Kooperationsvorhaben von Wirtschaft und Entwicklungsorganisationen vorbereitet. Und entgegen mancher Erwartung hat die sozialdemokratische Ministerin diesen Plan nicht gestoppt, sondern ihm sogar die Ehre eines neuen ideologischen Überbegriffs gegeben.

"Entwicklungspartnerschaft mit der Wirtschaft" heißt nun das Zauberwort, mit dem Wieczorek-Zeul und ihr Ministerium in Broschüren, Interviews und auf Kongressen für Projekte mit der Wirtschaft werben.

Im Mittelpunkt eines solchen Projektes soll ein gemeinsames Interesse stehen, zum Beispiel sauberes Wasser in einem Kaffeeanbaugebiet Kolumbiens. Durch hohe Pestizidbelastung und fehlende Kläranlagen war das Grundwasser so stark verschmutzt, dass es nicht nur zu einer Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung wurde, sondern auch den Kaffeepflanzen zu schaden begann. Ein Grund für Kraft Jacobs Suchard, sich mit gut fünfzig Prozent an einem 600 000 Mark teuren Entwicklungsprojekt zu beteiligen, bei dem Sickergruben und Terrassen zum Erosionsschutz gebaut und weniger schädliche Techniken des Kaffeebohnenschälens eingeführt werden sollen.

Ein anderes Beispiel: Das indonesische Mercedes-Werk beteiligt sich an einem Entwicklungsprojekt, mit dem lokale Zulieferer für die Einhaltung internationaler Qualitätsstandards trainiert werden sollen. Mercedes erhofft sich davon eine Verringerung der Ausgaben für die hohen Zölle, die bisher auf importierte Autoteile gezahlt werden mussten. Das deutsche Entwicklungsministerium hat die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen und damit die Verbesserung der Lebensverhältnisse für einen Teil der indonesischen Bevölkerung im Sinn.

Dabei setzen die Entwicklungsorganisationen keineswegs auf ein plötzlich erwachtes soziales Gewissen bei den Unternehmen. "Wir appellieren nicht an die weltweite Verantwortung der Wirtschaft, sondern machen ihr deutlich, dass sie geringere Risiken und bessere Renditen hat, wenn sie sich mit uns zusammentut", sagt Bernd Eisenblätter, Geschäftsführer der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der mit rund 11 000 Mitarbeitern in 130 Ländern und einem Jahresumsatz von knapp zwei Milliarden Mark größten deutschen Entwicklungsorganisation. Dass Entwicklungshilfe durchaus eigenen Interessen dienen dürfe, "so etwas kann man inzwischen offen sagen", meint Eisenblätter, "in der Vergangenheit wäre das ein Sakrileg gewesen".