Teheran

Ali ibn Abi Talib schritt aus der Moschee von Kufa im südlichen Mesopotamien. Da stürzte sich einer seiner Feinde mit Namen ibn Muldscham auf ihn, riss sein mit Gift beschmiertes Schwert aus der Scheide und schlug auf den Kopf des heiligen Mannes ein. Zwei Tage später erlag Ali, Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, seinen Wunden. Man schrieb den 17. Ramadan 40 Hedschra nach der islamischen Zeitrechnung, die mit der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina begann. Nach Gregorianischem Kalender war es Freitag, der 16. Juli 622.

Während sich ein großer Teil der Welt auf den Beginn des neuen Jahrtausends einstimmt, strömen in der "Islamischen Republik" die Menschen in die Moscheen. Wenn der Rosakhan seine sonore Stimme zu langen Trauergesängen erhebt, dann verdecken viele der versammelten Männer ihre bärtigen Gesichter mit einem Taschentuch, um den Tränenfluss aufzufangen. Nach abendländischen Jubelfeiern steht den Persern in diesen Tagen nicht der Sinn. Religiöse Trauer wird hier ernst genommen.

Der Anbruch des dritten Jahrtausends Gregorianischer Zeitrechnung hat für die Iraner vor allem praktische Bedeutung - für ihre Kontakte mit der westlichen Welt, in wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen, in der Computerindustrie. Dass sich Khomeinis "Gottesstaat" nicht auf Dauer vom Rest der Welt abkapseln und einzig auf seine eigenen Werte, seine eigenen Traditionen und Interessen konzentrieren kann, begreifen die herrschenden Geistlichen durchaus. Präsident Khatamis Streben nach einem Dialog der Zivilisationen hat das Interesse an einer erneuten Annäherung an den Westen vor allem bei der Jugend, unter den Studenten und den Intellektuellen gesteigert. Aber selbst in erzkonservativen Mullah-Kreisen setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch die Geistlichkeit des Irans nicht auf die moderne Technik verzichten kann. In der heiligen Stadt Qom haben die Theologen ein modernes Computerzentrum eingerichtet, mit dem sie das Studium ihrer heiligen Texte erleichtern können. Das "Problem 2000" geht damit auch an diesen Gottesmännern nicht spurlos vorüber.

Doch in den Dörfern, unter den weniger gebildeten Schichten des Landes, weiß man vom zweiten Millennium rein gar nichts. Viele richten sich bis heute nach alter persischer Zeitrechnung. Irans letzter Schah, Mohammed Reza Pahlevi, hatte in Besinnung auf die alte iranische Geschichte den mit der Islamisierung von den Arabern eingeführten Hedschra-Kalender abgeschafft. Der Iran - so dekretierte sein letzter Kaiser - begann mit Kyros dem Großen, dem Begründer der Achämeniden-Dynastie, und von da an sollten alle Perser künftig die Jahresfolge berechnen, beginnend mit 640 vor Christus (dem Krönungsjahr Kyros' des Großen). Der Schah wollte damit die Macht seiner Dynastie historisch stützen, "doch in Wahrheit brach er auf diese Weise die letzte Verbindung zwischen sich und der gläubigen muslimischen Bevölkerung ab", sagt der Historiker Golshani. Als Khomeinis Revolution 1978 dem Höhepunkt entgegentrieb, kehrte der bedrängte Kaiser rasch wieder zur islamischen Zeitrechnung zurück in der Hoffnung, er könnte so das von den Geistlichen angeführte Volk beschwichtigen.

Jahreszahlen lassen sich mit einem Federstrich ändern

2640, 2000 oder 1378 - welche Bedeutung besitzen solche Jahreszahlen, wenn sich die Zeitrechnung mit einem Federstrich ändern lässt? So manche Zoroastrier aber, Angehörige der ältesten aller Weltreligionen, die auch der Islam im Iran nicht vollständig verdrängen konnte, sehen dem neuen Millennium mit Bangen entgegen. Denn ihre heiligen Schriften prophezeien die Ankunft des "Retters der Welt", "Saoschyant", der Gewalt und Blutrünstigkeit ein Ende setzen, den schlechten Menschen Einhalt gebieten, die Welt erneuern und den Tod besiegen werde.