Manchmal liegt zwischen Leben und Tod nur ein Augenblick. Für Kerstin Reetz und ihren Sohn kam der Moment, als die 31-Jährige ihre schriftliche Einwilligung für den Schwangerschaftsabbruch geben sollte. Der Termin für den Eingriff stand fest. Die Diagnose kannte Kerstin Reetz bereits seit Tagen: Ihr Kind würde mit einem Down-Syndrom auf die Welt kommen. Es fehlte nur die Unterschrift, mit der sie der Abtreibung zustimmte. Da schoss es ihr durch den Kopf: "Was jetzt gemacht werden soll, ist Unrecht."

In der 21. Woche hatte eine Fruchtwasseruntersuchung den Traum von einem gesunden Kind zerstört. "Wie ein Schock" traf es sie, als die Ärztin ihr mitteilte, dass ihr Kind an der auch Trisomie 21 genannten Behinderung litt.

Für ihre Gynäkologin schien die Konsequenz klar: Abtreibung. Down-Syndrom, das machte sie der Schwangeren klar, bedeute geistige Behinderung, erhöhtes Risiko angeborener Organschäden, später vielleicht Leukämie. Sprich: unendliches Leid auch für die Eltern. "Die negativen Folgen und Belastungen wurden immer wieder betont", so Reetz.

Umso überraschter waren die Ärzte, als sich Kerstin Reetz gegen den Abbruch entschied. Sie und ihr Mann standen zu dem Entschluss auch dann, als bei ihrem Sohn noch ein Herzfehler entdeckt wurde. "Wir lieben unser Kind", sagten sie immer wieder. "Auch wenn es krank ist."

Die meisten Eltern entscheiden sich anders. Ein Großteil der Schwangerschaften, bei denen Ärzte eine Behinderung des Fetus feststellen, endet mit einem Abbruch. Immer besser können die Mediziner heute Fehlbildungen im Mutterleib erkennen. Die pränatale Vorsorge erfährt seit der Einführung des Ultraschalls vor 30 Jahren "enorme Wachstumsraten", sagt Irmgard Nippert von der Universität Münster. Drei obligatorische Ultraschalluntersuchungen, optionaler Bluttest bei der Mutter (Triple-Test), im Verdachtsfall auf Wunsch Punktion des Mutterkuchens (Chorionzottenbiopsie) oder Untersuchung des Fruchtwassers (Amniozentese) gehören heute zum Standardangebot gynäkologischer Praxen. Allein zwischen 1990 und 1996, sagt die Medizinsoziologin Nippert, sei die invasive Diagnostik um fast 40 Prozent gestiegen.

Findet die Eugenik von unten bereits heute statt?

Diese Untersuchungen machen es möglich, eine Krankheit unmittelbar nach der Geburt, mitunter sogar noch im Uterus zu behandeln. Liegt eine schwere Blutarmut des Fetus vor, kann fremdes Blut übertragen werden. Gleichzeitig erleichtern die pränatalen Tests die Selektion behinderten Lebens. Denn die vorgeburtliche Diagnostik steht erst am Anfang. Durch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms erhoffen sich Mediziner einen enormen Schub neuer Möglichkeiten. Bis zum Jahr 2003 sollen Molekularbiologen den "genetischen Bauplan des Menschen" dechiffriert haben. Damit könnte es gelingen, spätere Krankheiten bereits nach der Vereinigung von Ei- und Samenzelle vorherzusehen, zu therapieren - oder per Abtreibung aus der Welt zu schaffen.