Wenn wir es nicht mit eigenen Augen gesehen hätten, würden wir es nicht glauben. Es war in jenen längst vergangenen Jahren, da das Wirtschaftsressort der ZEIT in den langen dienstäglichen Produktionsnächten noch Ausgleichssport am Arbeitsplatz trieb. Man drosch, wenn der Verleger gerade nicht hinsah und nachdem Aufmacher, Leitartikel und Glossen verfertigt waren, fußballspielend einen Tennisball über den Redaktionskorridor. Aber nicht etwa die jungen Spunde, die Ende der siebziger Jahre das Ressort personell aufgefrischt hatten, beherrschten das Spielgeschehen. Nein, der Raum vor dem Tor gehörte einem gesetzteren Kollegen, der sich auch bei dieser Tollerei nicht dazu verstehen mochte, wenigstens das Jackett des nadelgestreiften kleinen Bankenanzugs abzulegen: Rudolf Herlt.

Die Leser dieser Zeitung kennen ihn freilich nur von seiner seriösen Seite.

Über Jahrzehnte war Rudolf Herlt Währungs- und Bankenfachmann und wirtschaftspolitischer Korrespondent der ZEIT. Seine Leitartikel, aber auch sein persönlicher Ratschlag fanden stets die Aufmerksamkeit von Notenbankiers und Finanzministern in aller Welt. Wie kein Zweiter hat Rudolf Herlt es verstanden, die komplizierten Vorgänge auf den Finanzmärkten dem Laien begreifbar zu machen und zugleich auch der Fachwelt ein wertvoller Informant und Interpret zu sein - ein Beispiel setzender Wirtschaftsredakteur. Seit 1986 vermissen Leser und Kollegen Rudolf Herlt, weil er im wohlverdienten Ruhestand ist. Am 27. Dezember 1999 ist unser Kollege 80 Jahre alt geworden.

Wir gratulieren - und würden ihn gern noch mit manchem Steilpass in die Tiefe des Redaktionsraumes schicken.