In den neunziger Jahren lautete der verzichtbarste Begriff zweifellos Berliner Republik. Als Worthülse geisterte er durch allerlei Betrachtungen, wie, wann und wohin sich das politische Klima wohl wandeln würde, wenn die Damen und Herren Volksvertreter sich erst intensiver mit dem berühmten Spreegeist namens "Dit kenn wa nich, det ham wa nich, det kriegn wa ooch nich rein" konfrontiert sähen. Als Schöpfer der Vokabel wurde Johannes Gross gehandelt (1995), wahlweise auch Edzard Reuter (1994), aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss man hinzufügen, dass in dieser Zeitung schon 1993 die Rede von der Berliner Republik war, das erste Mal noch ohne, das zweite Mal in Gänsefüßchen. Bis zum Beweis des Gegenteils darf man also sagen: Klaus Hartung ist schuld.

Woran? Daran, dass alle glauben, mit dem Umzug würde sich irgendwas ändern.

Zum Beispiel das Niveau der Auseinandersetzung. Oder die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Oder auch nur der Stil. Dabei ist Berlin, wenn überhaupt, bloß in einem Punkt wirklich Hauptstadt - Hauptstadt breitester Bräsigkeit, manifestiert durch tiefsten Provinzialismus, wie er tiefer nicht mal in St.

Augustin bei Bonn gelebt wird. Dass sich daran durch die Neuzugänge aus dem Westen viel ändern wird, steht nicht zu befürchten. Sie werden sich flugs bei ihrem jeweiligen Lieblingsitaliener zusammenrotten, und ob sie das nun in Charlottenburg, Treptow oder Mitte tun, ist so was von vernachlässigenswert, dass die Frage, wo Eberhard Diepgen seine Schlipse kauft, fast schon eine intellektuelle Herausforderung darstellt. Bonn heißt in Zukunft eben Berlin, wie Raider übrigens seit längerem Twix heißt, aber es ist immer noch dieselbe Schokolade.