Die Brokat AG ist ein Unternehmen, wie es Börsianer lieben. Das liegt an seiner filmreifen Story: Fünf Freunde, darunter ein ehemaliger Unternehmensberater von McKinsey, gründen eine Firma und avancieren innerhalb von fünf Jahren zum Branchenführer in Europa. Zum anderen ist es in einer verheißungsvollen Branche tätig: der Internet-Technologie.

Das Stuttgarter Unternehmen entwickelt Softwareplattformen für den Handel im World Wide Web. Man mag sich diese Plattformen vorstellen wie elektronische Straßen, die Anbieter und Kunden verbinden - ohne sie läuft nichts im eCommerce. Brokat - der Firmenname steht für Broker Application Technologies - hat sich auf Plattformen für Internet-Banking spezialisiert, die besonders hohe Sicherheitsanforderungen erfüllen müssen. Die Schwaben gehörten zu den ersten, die dieses Produkt anbieten konnten, und sie machten das Beste aus dem Pionierstatus: Brokat erreicht beim eBanking in Deutschland einen Marktanteil von rund 90, in Europa von 40 Prozent. Und eCommerce bleibt auf absehbare Zeit ein boomender Markt: Das Research-Institut Forrester prophezeit den Nordeuropäern bis 2003 jährliche Steigerungsraten von über 100 Prozent.

Zum anderen hat sich das Unternehmen zwar in Europa und selbst in Asien gut positionieren können, aber nicht auf dem wichtigen US-Markt. Hauptkonkurrent Security First ist dort unangefochten die Nummer eins. Die Schwaben wissen genau, dass sie das ändern müssen, wenn sie langfristig erfolgreich sein wollen. Im Mai 1999 kauften sie den in Atlanta beheimateten Cash-Management-Spezialisten Transaction Software Technologies (TST), und Brokat-Vorstandssprecher Boris Anderer kündigte vollmundig weitere US-Akquisitionen für das gleiche Jahr an. Daraus wurde nichts. Luis Leamus, technischer Analyst der Unternehmensberatung Metagroup France in Paris, glaubt zu wissen, weshalb: "In diesem Marktsegment sucht jeder nach Zukäufen. Das macht Übernahmekandidaten unglaublich teuer." Immerhin beteiligte sich Brokat kurz vor Jahresende noch schnell mit 25,1 Prozent an der Luxemburgischen Financial Software S.A.

Um die Kriegskasse zu füllen, hat sich der Brokat-Vorstand auf der jüngsten Hauptversammlung im Zuge eines Aktiensplits eine satte Kapitalerhöhung genehmigen lassen. Überdies schickte Brokat kürzlich mit Vorstandssprecher Anderer und Entwicklungschef Achim Schlumpberger zwei der besten Leute über den großen Teich. Gelänge es ihnen, eine Partnerschaft mit einem der großen Softwarehäuser wie Sun oder Oracle anzuschieben, rückte der Durchbruch in greifbare Nähe. Außerdem steht im ersten Halbjahr 2000 die Notierung an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq an. Adrian Hopkinson, Analyst der WestLB, sieht gute Perspektiven für die Aktie: "Wir gehen davon aus, dass Brokat bei der internationalen Vermarktung der Produkte erfolgreich sein wird." Kollege Michael Wand von der Deutschen Bank ist skeptischer: "Ich mag das Unternehmen, wirklich. Aber strategisch gesehen, hat es noch Hausaufgaben zu machen."