Millennien gehen, Millennien kommen. Die ewige Wiederkehr des Gleichen, um Nietzsche zu zitieren, der vor hundert Jahren das Zeitliche segnete (freilich nicht, ohne zuvor Gott und die Geschichte beerdigt zu haben). Noch länger tot ist Karl der Große - 1200 Jahre soll es her sein, dass er im Petersdom gekrönt wurde. Nach allen Regeln der Publizistik wird demnächst also ein großes Deuten anheben.

Unvermeidlich in diesem Zusammenhang die These von Heribert Illig. Der bayerische Privatgelehrte hat nämlich herausgefunden, dass Karl der Große gar nicht gelebt hat. Auch seine Vorfahren nicht. Kein Pippin der Mittlere, kein Karl der Hammer - die komplette karolingische Erbfolge eine Fälschung. Was ja auch zwanglos erklären würde, warum kaum Zeugnisse aus jener dunklen Zeit überliefert sind. Streicht man aber die Jahre 614 bis 911, dann ergibt schlagartig alles wieder einen Sinn. Sagen Illig und seine Mitstreiter (zum Beispiel Uwe Topper: Erfundene Geschichte ; Herbig Verlag, München 1999).

Und nie haben sie es richtig hinbekommen. Nicht auf dem Kirchenkonzil anno 325 nach Christus zu Nicäa, wo man Ostern kategorisch auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Anschluss an die Frühjahrs-Tagundnachtgleiche legte. Auch später nicht bei der Gregorianischen Kalenderreform, der zehn komplette Tage zum Opfer fielen. Katholische Astronomen entwickelten einen hoch komplizierten, 14-stufigen Algorithmus, um die Sache in den Griff zu bekommen - vergebens. Der Erdball eiert derart unberechenbar durchs All, dass die wahre Länge eines Jahres nie erfasst werden kann. Nicht einmal von Atomuhren - die gehen viel zu genau. Das sagt David Ewing Duncan in seinem Buch Der Kalender (Heyne Verlag, München 1999).

Dunkle Zeiten bergen dunkle Geheimnisse. Was Illig und andere Zeitgenossen treiben, fällt eigentlich in das Fach Katastrophik. Es ist die Lehre vom großen Malheur, welches ganze Epochen aus heiterem Himmel befällt. Als herausragender Vertreter der Katastrophik gilt der Psychiater Immanuel Velikovsky, der mit seinem Buch Welten im Zusammenstoß Anfang der fünfziger Jahre für Furore sorgte. Velikovsky-Anhänger haben alle ihre spezielle Theorie, um nicht zu sagen Meise.

Es war nämlich im Jahre 535 nach Christus vielmehr so: Ein gigantischer Vulkanausbruch verfinsterte den Himmel, alles Sonnenlicht wich der Nacht, die Kontinente erlebten Hungersnot und Völkerwanderung und Krieg und so weiter. In der Folge versanken das oströmische Reich, die Maya, die Nasca und noch so manches Volk. Worauf sich der Islam erhob, mit den bekannten Folgen. Kein Wunder, dass die Geschichtsschreibung versagt bei diesem kataklystischen Durcheinander (siehe David Keys: Als die Sonne erlosch ; Karl Blessing Verlag, München 1999).

Millennien kommen, Millennien gehen, ewig kehrt alles wieder. Wenn der Kuckuck schreit, muss das Korn geerntet werden, wenn die Gänse am fettesten sind und der Wein am besten schmeckt, lässt beim Mann der Geschlechtstrieb nach. Das schrieb Hesiod, der seine Uhr noch nach dem Mond stellte.

Wir Spätgeborenen aber dürfen rätseln. Schreiben wir das Jahr 1997 (bezogen auf das mutmaßliche Geburtsdatum Christi)? Oder lieber 1716 wie im koptischen Kalender? Geht es nach den erwähnten Maya, ist am 23. Dezember 2012 sowieso Schluss mit lustig. Dann geht die Welt unter.