Was heißt hier jüdisch?

Der Architekt und Publizist Korn, heute Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Frankfurt, ein angesehenes und einflussreiches Mitglied im Präsidium des Zentralrats, erzählt von seinen frühen Begegnungen mit den leidigen deutsch-jüdischen Identitätsfragen wie von bestandenen Mutproben. Er habe sich stets offen zu seiner Herkunft bekannt und sei damit gut gefahren. In seinen fünf Frankfurter Jahrzehnten sind ihm - anders als den meisten jüdischen Funktionsträgern - antisemitische Angriffe erspart geblieben.

Wann immer die Rede auf "jüdisches Leben im heutigen Deutschland" kommt, stellt sich unweigerlich eine merkwürdig belegte Stimmlage ein. Allen Beschwörungen einer neuen Normalität zum Trotz scheint es auch heute noch unendlich schwer, über deutsch-jüdische Angelegenheiten zu sprechen, ohne entweder in verhalten-verklemmten oder hohl-pathetischen Ton zu verfallen. Willkommen im Reich der unterdrückten Fragen, des hilflosen Wohlwollens und der mühsam verborgenen Ressentiments!

Auf den ersten Blick erscheint Salomon Korns Geschichte seiner Selbstbehauptung als "polnischer Jude" als eine erfreuliche und zuversichtlich stimmende Ausnahme von der Regel des verhexten deutsch-jüdischen Gesprächs. Auf den zweiten Blick ist die Sache nicht so einfach. "Natürlich war ich damals kein polnischer Jude mehr", sagt Korn. Er verstand sich als Frankfurter Bürger, wenn auch noch mit Vorbehalten. Ein "normales Gespräch" mit einem Juden war aber seinerzeit offenbar leichter möglich, wenn jener klar als doppelt Fremder definiert war: polnisch und jüdisch.

Oft spricht Salomon Korn über "Normalität", aber stets hört man dabei die Anführungszeichen mit. "Spontaneität können Sie nun einmal nicht befehlen. Und ,Normalität' kann nicht herbeigeredet werden. Man kann sie nur leben." Kürzlich hat er einen ihm gut bekannten Mann des öffentlichen Lebens, einen Nichtjuden, bei einer jener wohlgemeinten Veranstaltungen zur christlich-jüdischen Verständigung gefragt, wann ihm zum ersten Mal das Wort "Jude" ohne mulmiges Gefühl über die Lippen gekommen sei. Die Antwort: Bis auf den heutigen Tag nicht. "Wir befinden uns in einem historischen Prozess, der vom Juden in Deutschland über den deutschen Juden hin zum jüdischen Deutschen führen wird", sagt Korn. Allerdings werde dies sicher noch zwei oder drei Generationen in Anspruch nehmen.

Am kommenden Wochenende wird der Zentralrat der Juden in Deutschland einen Nachfolger für Ignatz Bubis bestimmen. Salomon Korn, den viele gern auf diesem Posten sähen, hat auf eine Kandidatur verzichtet. Noch einmal, wohl zum letzten Mal, wird ein Jude aus der Generation der Holocaust-Zeugen und -Überlebenden gekürt werden. Als aussichtsreichste Kandidaten gelten Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Münchner Jüdischen Gemeinde, und der Düsseldorfer Künstleragent Paul Spiegel. Der fällige Generationswechsel muss während dieser Amtsperiode vorbereitet werden. Die Zeit der Patriarchen, deren vitalster Vertreter der nimmermüde Bubis war, geht zu Ende. "Wir sind aus anderem Holz", sagt Korn. "Uns Juden der zweiten Generation fehlt die Kraft, die diese Überlebenden aufgebracht haben. Hinter dieser Vitalität standen oft Schwüre aus der Zeit der Verfolgung: Wenn ich jemals hier rauskomme, dann werde ich mein Leben der jüdischen Sache widmen."

Korn spricht voller Respekt von Bubis' Leistung, aber er lässt keinen Zweifel daran, dass sich etwas ändern muss am Stil, in dem die deutschen Juden öffentlich repräsentiert werden. Man wird sich "nicht mehr zu allem und jedem äußern", sich nicht mehr die Rolle des moralischen "Oberschiedsrichters" aufdrängen lassen und auch nicht mehr als Reiseeskorte für jede Israel-Fahrt eines deutschen Politikers zur Verfügung stehen. Die bittere Erfahrung, dass kaum einer der Politiker, die Ignatz Bubis immer wieder als beliebter "Funktionsjude" begleitet hat, dem Toten auf seiner letzten Reise nach Israel die Ehre gab, hat zur Ernüchterung über den Sinn solch symbolischer Politik geführt.

Es spricht wenig dafür, zu glauben, dass der deutsch-jüdische Umgangston wie von selbst harmonischer wird, wenn bald die zweite, weiter vom Massenmord entfernte Generation beiderseits die Geschicke bestimmt. Das Gegenteil zeichnet sich ab: Die deutsche Politik tritt gelegentlich schon in neuer Forschheit gegenüber jenen jüngeren jüdischen Repräsentanten auf, die nun einmal - wie das böse Wort lautet - "keine Nummern am Arm haben". Umgekehrt werden die Juden der zweiten und erst recht der dritten Generation sich nicht mehr umstandslos als Vorzeigeminderheit bei deutschen Gedenkveranstaltungen vereinnahmen lassen. Der Zentralratsvorsitzende, der um des lieben Friedens willen am Volkstrauertag in Begleitung des Staatsoberhaupts den gefallenen deutschen Soldaten die Ehre erweist, ist wahrscheinlich schon bald eine Figur der Vergangenheit. Zu groß ist die Unlust insbesondere unter jüngeren Juden, ihr Leben in Deutschland weiterhin als "Lackmustest" für die gelungene Demokratisierung der Bundesrepublik zu begreifen.

Was heißt hier jüdisch?

Schulbücher, Filme, Denkmale treten an die Stelle der letzten Überlebenden

Wer auch immer Ignatz Bubis beerben wird, muss sich dem Generationswechsel und dem daraus folgenden Wandel des Selbstverständnisses stellen. Der Massenmord an den Juden wird von einer Sache des öffentlichen Zeugnisses und der persönlichen Erinnerung zu einer Aufgabe für das kulturelle Gedächtnis: Schulbücher, Denkmale, Filme, Fernsehdokumentationen und Internet-Angebote treten an die Stelle der letzten Überlebenden, die um der guten Sache der Aufklärung und Erinnerung willen vor Schulklassen und SPD-Ortsvereinen die Pein eines Seelen-Striptease auf sich nehmen und ihr Martyrium erzählen. Ins Positive gewendet, sagt Salomon Korn, bedeute dies, dass die Juden in Deutschland künftig "weniger auf eine Holocaust-Identität setzen müssen und mehr auf die Ausbildung positiver Werte des Judentums: Tradition, Religion, Wissen um die eigene Herkunft, die Vermittlung von jüdischem Allgemeinwissen."

Damit kommt die zweite, wahrscheinlich viel schwierigere Aufgabe in den Blick: die Integration der großen Zahl von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, die in den vergangenen zehn Jahren die jüdische Gemeinschaft auf ein Dreifaches hat anschwellen lassen. Zwischen dem Ende der sechziger und dem Ende der achtziger Jahre waren in Deutschland konstant 27 000 bis 28 000 Juden als Gemeindemitglieder registriert. Ende 1998 waren es schon knapp 75 000. Vielfach werden die Einwanderer schlicht und fälschlich "Russen" genannt - dabei überwiegen Ukrainer, Balten, Weißrussen und Kaukasier bei weitem.

Auch mit demnächst wohl mehr als 100 000 Gemeindemitgliedern bleiben die Juden in Deutschland eine verschwindend kleine Minderheit gegenüber etwa zwei Millionen Spätaussiedlern und sechs Millionen Ausländern - bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen. Allerdings ist auch nicht zu bestreiten, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland derzeit die dynamischste Europas ist, die einzige Diaspora-Community mit einem rapiden Wachstum und den daraus folgenden Hoffnungen und Überforderungen. Integration ist ein Allerweltswort. Im Fall der jüdischen Einwanderer verbergen sich gleich zwei Aufgaben dahinter: Die Neuen müssen sich erstens in die jüdische Gemeinschaft hineinfinden - und für viele heißt das buchstäblich, sich zu "judaisieren", erst einmal grundlegendes jüdisches Wissen zu erwerben. Und sie müssen sich zweitens mit den Institutionen und Gepflogenheiten der kapitalistischen Gesellschaft der Bundesrepublik bekannt machen.

Was aus dem Judentum in Deutschland wird, ist heute offener denn je. Die intellektuelle Debatte hat jüngst zwei scharf entgegengesetzte Prognosen hervorgebracht. Während der in Oxford lehrende Historiker Bernard Wasserstein in seiner aufsehenerregenden Studie über die Vanishing Diaspora schon ein baldiges "Europa ohne Juden" sieht, preist Diana Pinto, Beraterin des Europarates, den "neuen jüdischen Ort" Europa. Die Umbruchssituation in der jüdischen Gesellschaft der Bundesrepublik spielt in beiden Szenarien eine zentrale Rolle. Wasserstein bestreitet, dass von den Zuwanderern eine Erneuerung des jüdischen Lebens ausgehen könne. Sie seien in der Mehrzahl der Religion und den Traditionen des Judentums viel zu sehr entfremdet. "Wir haben die letzte Szene des letzten Aktes des mehr als ein Jahrtausend währenden jüdischen Lebens in Osteuropa vor uns", schreibt er. Der Judaismus höre auf, eine religiöse Kraft im Alltag der meisten Juden Europas zu sein, die traditionelle Gelehrsamkeit und die authentische jüdische Kultur stürben aus. Was übrig bleibe, ist nach Meinung Wassersteins nichts als Anatevka-Folklore, von der Kulturindustrie zum Konsum für Nichtjuden aufbereitet.

Der finsteren Niedergangsprophetie Wassersteins stellt Diana Pinto eine Hymne an die kommende jüdische Renaissance entgegen: "Niemals zuvor in Europas jahrtausendealter Geschichte haben Juden auf diesem Kontinent in derart individueller und kollektiver Freiheit gelebt wie heute." Die europäischen Juden würden sich, nach Jahrzehnten im Schatten des Massenmords, "ihrer eigenen kollektiven Erfolgsstory im Westen und ihrer Wiedergeburt im Osten bewusst". Niemals zuvor habe es "auf dem europäischen Kontinent derart vorteilhafte Vorbedingungen für eine jüdische Renaissance gegeben". Das neue europäische Judentum sei "insbesondere das Kind demokratischer Revolutionen des Jahres 1989". Die Juden Europas sind nach Pinto kein verschwindender Rest, der durch den Sog der Assimilation, durch niedrige Geburtenraten und Abwanderung dahinschmelzen muss. Im Gegenteil: Sie seien freiwillig und bewusst hier, und wenn sie sich dieser historisch neuen Lage erst einmal bewusst seien, würden sie "eine der prinzipiellen Antriebskräfte" dieses im Entstehen begriffenen Gebildes.

Das europäische Judentum müsse sich dazu vom "Israel-Alibi" verabschieden und in seiner neuen Selbstdefinition das Gedenken an die Schoah mit der Erinnerung an den demokratischen Aufbruch von 1989 verbinden. Wo Wasserstein nur den Ausverkauf ehrwürdiger Tradition in marktgängig folkloristischer Form zu sehen vermag, erkennt Pinto ein echtes Interesse an jüdischem Wissen: "Erstmals seit tausend Jahren sind die nichtjüdischen Europäer bereit, ihre christliche Identität zu relativieren und jüdische Weisheit und Lehre in gleicher Wertigkeit zu rezipieren."

Was heißt hier jüdisch?

Die Münchner Buchhändlerin Rachel Salamander kennt sich mit dem wahren Charakter dieser Rezeption aus wie sonst wohl niemand im deutschen Sprachraum. Sie ist allerdings weder eine Freundin des hymnisch-hochfliegenden Tons, den Pinto pflegt, noch des kulturpessimistischen Basso continuo, den Wasserstein anschlägt. Von den ewigen Identitätsdebatten hat sie genug. Immer schon seien es die Juden gewesen, die sich definieren und für ihr Bleiben in Deutschland rechtfertigen sollten, während die schweigende Mehrheitsgesellschaft der Nichtjuden neugierig bis schadenfroh zuschaute. Angesichts solcher Zumutungen greift Rachel Salamander gern zu dem Wort des Regisseurs Fritz Kortner: "Jude sein ist nicht abendfüllend."

Die Starken wanderten nach Israel oder Amerika, die Schwachen blieben hier

Rachel Salamanders Weg in Deutschland begann in Deggendorf und Föhrenwald, den bayerischen Lagern für "Displaced Persons". Dort hat sie ihre ersten sechs Lebensjahre verbracht. Die Eltern, ursprünglich aus Polen, waren 1946 aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Bei ihrer Einschulung sprach Rachel kein Wort Deutsch. Im Lager, dem "letzten Schtetl auf deutschem Sprachgebiet", ausgerechnet in einer ehemaligen Wehrmachtskaserne untergebracht, war Jiddisch Umgangssprache, und die alten Riten wurden befolgt. Die Kinder wuchsen in dieser von den Amerikanern geschützten Enklave vollkommen isoliert von der deutschen Gesellschaft auf. Die Starken wanderten weiter nach Israel und Amerika, die Schwachen blieben als "heimatlose Ausländer" hier. Rachel Salamanders Eltern sind in Deutschland als Staatenlose gestorben, sie selbst hat noch lange an diesem Status festgehalten, auch als sie schon etablierte Geschäftsfrau und Liebling der Münchner Gesellschaft war. Sie bezeichnete sich als "heimatlose Inländerin". Erst mit über 40 Jahren erwarb sie einen deutschen Pass.

Die Geschichte der Rachel Salamander - vom kleinen Mädchen, das in der Grundschule die deutschen Wörter nicht lesen kann, über die brillante Doktorandin bis zur engagierten Aufklärerin, die dem interessierten deutschen Publikum wieder Zugang zum Wissen über jüdische Dinge verschafft -, diese fast märchenhafte Geschichte wird gern erzählt. Sie ist eine jener "Erfolgsstorys", auf die Diana Pinto anspielt. Rachel Salamander ist sich freilich bewusst, dass die Gesellschaft, in der sie reüssiert hat, sich mit ihr nicht ohne Eigennutz schmückt. Aber sie ist auch unabhängig genug, zu wissen, dass solche zuweilen lästigen Umarmungen ihre Arbeit letztlich nicht entwerten können.

Wo sie sich öffentlich einmischt, tut sie das zuvörderst als eine Verfassungspatriotin, die nebenei auch Jüdin, Frau, Liberale, Münchnerin ist. Die Garantien des Grundgesetzes, sagt sie, seien für ihr Wohlbefinden in Deutschland wichtiger als die Sympathie, die ihr entgegengebracht wird. Gut zu wissen, dass diese Garantien nicht von Sympathie abhängen. Sie mag es nicht, als Jüdin in die Rolle der ewigen Mahnerin gedrängt zu werden, das personifizierte schlechte Gewissen der deutschen Gesellschaft zu sein. An der Walser/Bubis-Debatte allerdings hat sie der Wechsel des Tonfalls schockiert, den der Schriftsteller unter Akklamation der versammelten politischen Elite einübte. Am meisten entsetzt war sie über die hochfahrende Art, die Walser sich in dem arrangierten Versöhnungsgespräch herausnahm: Welch ein Stil- und Tabubruch, Bubis von oben herab zurechtzuweisen. Er, Walser, sei schon mit der Reflexion der deutschen Verbrechen beschäftigt gewesen, da sei Bubis noch "mit ganz anderen Dingen beschäftigt" gewesen. Bubis, dessen Vater in Treblinka ermordet wurde, auf eine solche Weise im Kasinoton abzukanzeln - dergleichen, sagt Rachel Salamander, "hat es in den so genannten besseren Kreisen seit dem Krieg nicht gegeben".

Insgesamt zeigt sie sich jedoch "nicht besonders beunruhigt" über die deutschen Verhältnisse. Die nach der Wiedervereinigung befürchtete Rechtswende sei nicht bedenklicher ausgefallen als anderswo in Europa. Es gebe Stammbesucher, die nun schon seit über 15 Jahren in ihren Laden kommen. Viele von ihnen gehören einer beständig wachsenden Gruppe an, die der Soziologe Y. Michal Bodemann "das judaisierende Milieu" nennt, ein Judenexpertentum aus Amateuren und Professionals, das Klezmer-Festivals und jüdische Kulturtage bevölkert, sich an den Instituten für "jüdische Studien" einschreibt und die Hebräischkurse an den jüdischen Volkshochschulen belegt.

Rachel Salamander hat festgestellt, dass sich in ihrem Publikum die anfänglich vor lauter Gutwilligkeit und Schuldgefühlen beklommene Haltung nach und nach merklich entspannt hat: "Mittlerweile traut man sich gelegentlich, mir zu widersprechen, und das ist in gewisser Weise doch sehr beruhigend." Sie schwankt etwas, ob sie die grassierende Folklorisierung des Judentums eher grausig oder eher rührend finden soll. "Es gibt da einen Witz: Woran kann man als Partygast erkennen, dass die Gastgeber Nichtjuden sind? An der Klezmer-Musik." Wenn sich auf einem der zahllosen Kulturfestivals ein Sänger mit jiddischen Weisen abmüht, ohne dass Rachel Salamander als Muttersprachlerinauch nur ein Wort versteht, dann ist ihr das zwar peinlich - "aber ergreifend ist es irgendwie auch". In jedem Fall sei jüdische Kultur - oder, treffender, das, was (oft genug von Nichtjuden) als solche inszeniert wird - übermäßig repräsentiert, wenn man die Größe der hiesigen jüdischen Gemeinde zugrunde legt. In deutschen Großstädten kann man fast jeden Abend eine Lesung, ein Konzert oder eine Diskussion besuchen, bei denen es irgendwie um Jüdisches geht. "Aber wenn Sie koscher kochen wollen", sagt Rachel Salamander, "sind Sie einen halben Tag lang unterwegs, um die Zutaten zu bekommen."

Was heißt hier jüdisch?

Auch Julius Schoeps, Direktor des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums für "europäisch-jüdische Studien", mag die Klezmer-Musik nicht mehr hören. "Man hält irgendwo einen Vortrag zu einem jüdischen Thema, und schon spielt eine dieser Combos. Diese grauenhafte Judentumsfolklore benutzt die uralten antisemitischen Klischees von jüdischem Leben." Schoeps nennt sich einen "Juden mit protestantisch-deutscher Denkstruktur" - eine dieser steifleinenen preußischen Figuren, die man in Israel mit sanftem Spott "Jeckes" nennt: "Wenn ich gut geschlafen habe, fühle ich mich schon als deutscher Jude, wenn ich schlecht geschlafen habe, nur als jüdischer Deutscher."

Schoeps' Institut hat soeben die drängendsten Probleme jüdischen Lebens in Deutschland untersucht. Eine gerade erschienene Studie über die Lage der jüdischen Zuwanderer trägt den verheißungsvollen Titel: Ein neues Judentum in Deutschland? Schoeps und Kollegen haben wenig Ermutigendes mitzuteilen. Der Professor bekennt zwar im Gespräch, er finde Diana Pintos Thesen "sehr interessant", die Ergebnisse seiner Studie jedoch lassen sich schwerlich als Anzeichen einer "Renaissance" deuten. Über die Hälfte der Eingewanderten ist auch nach dem fünften Jahr in Deutschland arbeitslos. 23 Prozent beschreiben ihre Lage als "aussichtslos" und die Schwierigkeiten als "unüberwindlich". Es gibt zu wenig Sprachkurse, die Qualität des Unterrichts lässt offenbar auch zu wünschen übrig. Die Wohnsituation ist für viele Befragte prekär: Weil die Zuwanderer nach einem proportionalen Schlüssel im Land verteilt werden, finden sich mitunter Großstädter auf dem Dorf wieder, wo sie den Kontakt zum jüdischen Leben kaum halten können und ihre gewohnte städtische Lebensweise aufgeben müssen.

Die Einbürgerung ist schwierig. Nach sieben Jahren besteht die rechtliche Möglichkeit - allerdings nur bei finanzieller Unabhängigkeit, was älteren und schwer vermittelbaren Menschen, die kaum noch vom Sozialamt loskommen, die Chance auf einen deutschen Pass nimmt. Aufenthaltsbefugnisse müssen alle zwei Jahre erneuert werden - eine unerträgliche Lage für viele, die nach einem Leben in Verfolgung und Unterdrückung hierhergekommen sind. "Nur eine Minderheit", sagt Schoeps, "schließt sich den jüdischen Gemeinden aus religiös-kulturellen Gründen an." Die Gemeinden würden zunehmend in die Rolle sozialer Beratungsstellen gedrängt - eine Aufgabe, für die sie nicht gerüstet sind.

Auch den Alteingesessenen bereitet der Zustrom der so genannten Russen Probleme. Auf der Leserbriefseite des Gemeindeblatts jüdisches berlin etwa tobt der Sprachenstreit: Soll man das ganze Heft zweisprachig publizieren oder nur einen Teil? Muss die Gemeindeversammlung simultan auf Russisch übersetzt werden? Ist es in Ordnung, wenn Angestellte der Gemeinde sich am Telefon auf Russisch melden? Und überhaupt: Wer integriert hier eigentlich wen? Außer den Sprachschwierigkeiten gibt es noch weitergehende Irritationen. "Stellen Sie sich vor", sagt Schoeps, "was in alteingesessenen Mitgliedern vorgeht, die die Verfolgung noch selbst erlebt haben, wenn bekannt wird, dass eine Gruppe von älteren Zugewanderten - Kriegsveteranen der Roten Armee mit ordensgeschmückten Uniformjacken im Schrank - ein Kameradschaftstreffen mit ehemaligen Wehrmachtssoldaten veranstalten möchte!"

Michael Liokumowitsch, Dezernet für Integration bei der Berliner Gemeinde, müht sich gar nicht erst, die Spannungen zwischen den Neuen und den Alteingesessenen kleinzureden. Natürlich mache es einen gewaltigen Unterschied, ob man mit schlechtem Gewissen in Deutschland hängen geblieben ist und sich dann mühsam eine fragile Selbstverständlichkeit erkämpft hat - oder ob man schon in der Zuversicht gekommen ist, in Deutschland ließe sich ein leichteres, würdigeres Leben führen. Für die einen war das Bleiben in Deutschland lange ein Problem. Für die anderen sollte dieses Land die Lösung ihrer Probleme bringen.

Warum kommen denn so viele Menschen aus dem Osten hierher? Stimmt es, wie Schoeps und seine Mitarbeiter in der Studie behaupten, dass nicht nur die Angst vor dem Antisemitismus, sondern zunehmend auch wirtschaftliche Motive entscheidend sind? Liokumowitsch kann dies "im Großen und Ganzen bestätigen". "Aber Sie müssen sich auch klarmachen", sagt er, "Deutschland - das heißt Europa. Viele Juden in der Exsowjetunion fühlen sich als Europäer. Für sie sind die USA und Israel auch darum eher zweite Wahl. Es gibt eine lange Tradition des Kulturaustauschs zwischen Deutschland und Russland. Und natürlich spielt die geografische Nähe eine Rolle - auch der Gräber wegen, die man besuchen möchte."

Michael Liokumowitsch gehört nicht zu jenen Sozialfunktionären, die sich in ihren Forderungen an die Öffentliche Hand gegenseitig übertreffen. Der erfolgreiche junge Arzt führt eine Privatklinik und kümmert sich aus Bürgersinn und Mitgefühl um die Immigranten. Liokumowitsch, selbst Kind von Einwanderern aus der Sowjetunion, lebt seit 1974 in Deutschland. Er hat hier Abitur gemacht, studiert und schließlich eine Existenz aufgebaut. Seit zweieinhalb Jahren gehört er dem verjüngten Berliner Gemeindevorstand an. Seine Aufgabe als Integrationsbeauftragter sieht er oft genug darin, überspannte Erwartungen der Neuen freundlich zu frustrieren. Wenn er allerdings auf das "moralische Problem" zu sprechen kommt, das sich im Umgang mit den Zuwanderern stellt, verfliegt die Kühle. Warum ist es so schwer zu verstehen, fragt er gereizt, wie viel die Staatsbürgerschaft für die Lebensqualität dieser Leute bedeutet? Immer bekomme er zu hören: "Integration ist ein Zeitproblem." Man könne das auch sarkastisch lesen: In ein paar Jahren löst sich das Einbürgerungsproblem bei den Älteren ganz von allein.

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In Deutschland gibt es nicht länger ein einziges, sondern viele Judentümer

Das Interesse der deutschen Medien an den Konflikten, die durch die Zuwanderung in den jüdischen Gemeinden entstanden sind, ist für Liokumowitsch eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits wünscht er sich, dass dem dürftigen Wissen über die eingewanderten Juden aufgeholfen würde. Man müsse sich zum Beispiel klarmachen, dass man es bei "den Russen" mit einer sehr heterogenen Gruppe zu tun habe: "Wer etwa im Zweiten Weltkrieg als Soldat der Roten Armee gekämpft hat, nimmt wahrscheinlich eine andere Haltung zu seinem Judentum und zu Deutschland ein als ein Überlebender, dessen Verwandtschaft in den Lagern oder von Sonderkommandos ermordet wurde." Andererseits habe die übergroße Aufmerksamkeit der deutschen Medien manchmal einen seltsamen Beigeschmack von Schadenfreude und Entlastungssehnsucht: Seht mal an, die Juden streiten sich! Die wollen die Russen wohl selbst nicht hier haben!

Der interessierten Neugier können und wollen die Juden sich heute nicht mehr durch Abschottung erwehren. Liokumowitsch verweist mit Stolz auf die Offenheit des Gemeindeblattes für alle Positionen, auch solche, die die Leitung für unsinnig oder schädlich hält. Man kann es auch so sehen: Die Bereitschaft, solche Grundsatzkonflikte, die früher "in der Familie" geregelt worden wären, auch vor den Augen des nichtjüdischen Publikums auszutragen, spricht vielleicht für eine neue Angstfreiheit in deutsch-jüdischen Angelegenheiten. Wie die jüdische Gesellschaft, so wird zunehmend auch ihre nichtjüdische Umwelt sich bewusst, dass es in Deutschland nicht länger ein einziges, sondern, so sagt es Rachel Salamander, "viele Judentümer" gibt.

Micha Brumlik lehrt als Professor für Pädagogik in Heidelberg, lebt in Frankfurt und publiziert vielerorts - von der alternativen taz bis zur offiziösen Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung . Er ist, wie er selbstironisch sagt, einer der wenigen "öffentlichen Juden" hierzulande - um gleich hinzuzufügen: "Wenn ich jemals im Sinne Theodor Lessings so etwas wie jüdischen Selbsthass entwickeln sollte, dann vor allem gegen meine Existenz als ?öffentlicher Jude' und ?Dialogpartner'." Diana Pintos These von einem neuen "jüdischen Raum" in Europa hält er für ein Luftschloss. Ähnliche Träume, sagt er skeptisch, hätten die Juden schon einmal auf dem Höhepunkt der Assimilation geträumt.

Brumlik hat auf seinem Lebensweg selbst schon "viele Judentümer" durchlaufen. Als Jugendlicher in Frankfurt hatte er sich einst zur Verwunderung seines Vaters, eines säkular gesinnten zionistischen Funktionärs, entschlossen, als Orthodoxer zu leben - koschere Küche, Käppi und Gebetsriemen inbegriffen. Als glühender Zionist ging er später ins Gelobte Land, um als ebenso rigoroser Antizionist nach Deutschland zurückzukehren. Heute gehört er zu einem Kreis, der sich für das Reformjudentum amerikanischer Prägung stark macht. In Frankfurt kann die Gruppe auf Unterstützung durch die Gemeinde rechnen - jedenfalls solange sie nicht auf Konfrontationskurs geht.

In den orthodox dominierten bundesdeutschen Einheitsgemeinden ist die liberale Richtung freilich immer noch eine Minderheit ohne große Lobby - obwohl die Wurzeln der reformerischen Bewegung im aufgeklärten deutschen Judentum liegen, für das große Namen wie Mendelssohn, Geiger, Jacobson und Baeck stehen. Nach der Vernichtung und Vertreibung seiner tragenden Schichten in der NS-Zeit muss das liberale Judentum nun gewissermaßen nach Deutschland reimportiert werden. In München hat sich neben der orthodox orientierten Einheitsgemeinde unter dem Namen Beth Schalom eine große liberale Gemeinde mit über 400 Mitgliedern gebildet. In Oldenburg und Braunschweig amtiert eine Rabbinerin. 1997 wurde eine Union progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz ins Leben gerufen. Im vergangenen Herbst hat dieser argwöhnisch beobachtete Dachverband beschlossen, gemeinsam mit dem Moses Mendelssohn Zentrum ein Abraham-Geiger-Kolleg zur Ausbildung reformerischer Rabbiner zu gründen. Das Projekt will nicht zu weiteren Abspaltungen ermutigen, sondern traditionellen Gemeinden "eine zeitgemäße Form des Judentums" anbieten. "Die Union progressiver Juden", heißt es, "ist entschlossen, unser Kolleg zu einem Zentrum der Inspiration zu machen und zu einem Zeichen für den Willen, das progressive Judentum in Deutschland wieder zu etablieren."

Dies sind erste Anzeichen einer Pluralisierung des jüdischen Lebens. Sie zu einer veritablen "Renaissance" zu deklarieren, hält Micha Brumlik allerdings für voreilig. Vor gut zwei Jahren hat er eine Reihe junger Juden eingeladen, über ihre Zukunft in Deutschland nachzudenken. Den Anlass zu dieser Umfrage bot die Rede des israelischen Präsidenten Weizmann bei seinem Deutschland-Besuch 1996. Weizmann pries zwar das neue, demokratische Deutschland, aber schließlich forderte er doch im alten Stil die Juden auf, nach Israel zu kommen. Die Selbstzeugnisse der 19- bis 38-Jährigen, die Brumlik in seinem Buch Zuhause, keine Heimat? gesammelt hat, künden von einem erstaunlichen neuen Selbstbewusstsein. Wohlmeinende Versuche von israelischer Seite, jüdisches Leben in Deutschland für illegitim zu erklären, werden ebenso entschieden zurückgewiesen wie die zudringliche Umklammerung alles Jüdischen durch die stetig wachsende Schar der einheimischen "Philos", die Gemeindehäuser und Synagogen belagern. Ohne Furcht vor Vereinnahmung bekennen sich die jungen Juden zu einer deutschen Prägung - und zur Entscheidung, im Lande zu bleiben. Man mag nach den fremdenfeindlichen Pogromen der Nachwendezeit zwar nicht für alle Zeiten ausschließen, dass diese Entscheidung vielleicht doch einmal revidiert werden könnte. Allerdings - würde man nicht eine fatale "jüdische Opferidentität" pflegen, ließe man von solcher Ungewissheit seine Selbstdefinition bestimmen?

Was heißt hier jüdisch?

Einigen Menschen passt es nicht, wenn Juden aus der Opferrolle fallen

Es ist ein Leichtes, sich deklaratorisch von dergleichen loszusagen. Aber leider gibt es eine Reihe von Menschen, denen es überhaupt nicht in den Kram passt, wenn Juden in Deutschland aus der Opferrolle fallen. Iris W. hat am Abend vor unserem Gespräch erfahren, dass in einer Diskussionsgruppe im Internet ein apokalyptisch predigender Text aufgetaucht ist, in dem zur "Ausrottung" und "Auslöschung" der Betreiber von ha Galil, einem jüdischen Online-Dienst, aufgerufen wird. Iris W. betreut bei diesem Anbieter die Berliner Seite: The Jewish Site of Berlin. Der Autor der Verwünschung gibt sich jüdisch, aber die netzerfahrenen Freunde von Iris W. vermuten hinter seinem Pseudonym einen Neonazi, der es auf die erblühende jüdische Net-Community abgesehen hat. Der Unbekannte lanciert seine Beiträge in Diskussionsforen für jüdische Themen. Er klinkt sich mit harmlosen Fragen in eine Debatte ein, um dann schließlich die nichtsahnenden Teilnehmer mit Hassbotschaften zu überschütten.

Die Attacke zielt auf eine neue jüdische Öffentlichkeit, die in jüngster Zeit starken Aufwind hat. Ha Galil entstand vor vier Jahren als Folge einer heftigen E-Mail-Debatte nach dem Attentat auf Jitzhak Rabin. Heute zählt man monatlich über 600 000 Zugriffe auf die Website, ein großer Erfolg für ein nichtkommerzielles Unternehmen dieser Art.

Für jemanden, der wie Iris W. seinen Lebensunterhalt mit Stadtführungen verdient, ist eine solche anonyme Drohung schlafraubend. Sie wird sich eine Weile lang wie eine wandelnde Zielscheibe fühlen, wenn sie Besucher etwa durch die "Emanzipationsgeschichte Berliner Jüdinnen - von der ersten Münzmeisterin zur ersten Rabbinerin" führt. Iris W., in Deutschland geboren, ist die Tochter eines jüdischen Vaters, der im Versteck überlebt hat, und einer nichtjüdischen Mutter. In Amerika konnte sie bei einem orthodoxen Rabbiner zum Judentum konvertieren, was einen hiesigen Kollegen strenger Observanz nicht davon abhielt, sie als "Bastard" zu bezeichnen. Sie gehöre nicht zu den Leuten, sagt sie mit gehörigem Sarkasmus, "die plötzlich konvertieren wollen, nachdem sie reihenweise Holocaust-Memoiren verschlungen haben". Iris W. hat sich ein profundes historisches und theologisches Wissen über die jüdische Religion erarbeitet, sie ist nicht leicht einzuschüchtern. Sie ist es gewohnt, dass man sich über ihre blonden Haare wundert. Nur manchmal fragt sie sich, ob es wirklich einen Sinn hat, sich der gnadenlosen Folkloreleidenschaft des "judaisierenden Milieus" für ein bestimmtes Bild vom alten jüdischen Berlin in tapferer aufklärerischer Absicht entgegenzustemmen: "Wenn ich eine Tour mit dem Thema ?Ostjuden im Scheunenviertel' anbiete, kommen die Massen. Wenn ich durch das weniger malerische ?jüdische Wilmersdorf' führen möchte, muss der Termin meist ausfallen, weil keiner kommt."

Im Dezember ist zum Online-Dienst und zu den Führungen ein drittes Projekt hinzugekommen - Golem, ein "europäisch-jüdisches Magazin", herausgegeben von der Berliner Künstlergruppe Meshulash, zu der auch Iris W. gehört. Diana Pinto mit ihrem Traum vom neuen europäischen Judentum ist durch zwei Beiträge vertreten. Sie ist offenbar die intellektuelle Mentorin des Unternehmens. In der ersten Nummer geht es, was Wunder, vor allem um Probleme der Selbstdefinition. Eine Frage zieht sich durch fast alle Beiträge: "Wer ist Jude?" Eine sehr alte Frage, und es gibt bekanntlich auch schon reichlich unvereinbare Antworten auf sie. Arthur Hertzberg, der große alte Mann der amerikanisch-jüdischen Gelehrsamkeit, hat sein neues Buch, das in Kürze auf Deutsch erscheinen wird, ebenjener Frage gewidmet. "Wenn die Orthodoxie also nicht imstande ist, die Kontinuität des Judentums zu gewährleisten, wer dann? In den letzten zweihundert Jahren war der Pluralismus das einigende Prinzip des modernen Judentums ... Juden können sich nicht in Frieden lassen, weil sie die Erben langer Generationen von Vorfahren sind, die sich nie darüber einig werden konnten, welche Verpflichtungen ein Jude eigentlich zu erfüllen hat." Ob es hier überhaupt neue Antworten geben kann - das ist am Ende vielleicht gar nicht so wichtig wie die höchst wundersame Tatsache, dass die berühmte alte Frage jetzt auch in Deutschland von vielen Juden neu gestellt wird.

· · Bernard Wasserstein: Europa ohne Juden Das europäische Judentum seit 1945; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1999; 388 S., 75,- DM

· · Diana Pinto: Europa - ein neuer "jüdischer Ort" in: Menora. Jahrbuch für deutsch- jüdische Geschichte 1999; Philo-Verlag, Berlin 1999; 386 S., 39,80 DM

Was heißt hier jüdisch?

· · Micha Brumlik (Hrsg.): Zuhause, keine Heimat? Junge Juden und ihre Zukunft in Deutschland; Bleicher-Verlag, Gerlingen 1998; 216 S., 28,- DM