Kein Wissenschaftler wird das Verhalten von Peter Seeburg vor mehr als 20 Jahren rechtfertigen. Auch Peter Seeburg nicht. Aber das, was über ihn an dieser Stelle (ZEIT Nr. 50 und 51/99) geschrieben wurde, ist so undifferenziert, überheblich, falsch und irreführend, dass ich mich gezwungen sehe, mein "Peter, wie konntest du nur" in ein "O, wie gemein" umzuwandeln.

Ich schreibe, um Peter Seeburg vor dem Vorwurf des Fälschens und dem der Geldgier zu verteidigen.

Als Allererstes: Peter Seeburgs Ruf als Wissenschaftler hat durch diese Taten keinen Schaden erlitten. Es gibt keinen Grund, an der Richtigkeit sowie der Bedeutung seiner rund 250 wissenschaftlichen Publikationen zu zweifeln. Er ist einer der international anerkanntesten Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft. Immer noch. Man kann manches Kritische über ihn sagen, aber ein Fälscher ist er nicht. Und es ist falsch, zu unterstellen, dass er gefälscht hat, um diese unmoralisch vielen Millionen zu gewinnen, über die sich die Leute wohl jetzt am meisten aufregen.

Zwei Dinge werden ihm zur Last gelegt: das eine, dass er ein Aliquot einer biologischen Probe, die er selbst als Postdoc hergestellt hatte, aus der San Francisco University geholt hat, um damit an seiner neuen Stelle, der Firma Genentech, weiterzuarbeiten. Heimlich, ohne die Erlaubnis seines damaligen Chefs, mit dem er sich verkracht hatte. Das Zweite ist, dass er in der folgenden Publikation der Ergebnisse, die er mit dieser Probe erzielt hat, die Herkunft der Probe durch eine unrichtige Angabe im Methodenteil der Publikation verschleiert hat. Die Resultate sind aber korrekt, sonst hätte das Wachstumshormon ja gar nicht hergestellt werden können.

Natürlich wusste er, dass es nicht in Ordnung war, den Klon zu nehmen, zumal der Klon bereits patentiert war, deshalb hat er ja auch versucht, sich da rauszumogeln. Wahrscheinlich hätten sich die meisten Wissenschaftler in dieser Konfliktsituation anders verhalten. Peter ist vielleicht wirklich besonders ehrgeizig und ungeduldig, und er ist sicher kein Preuße. Trotzdem ist es zumindest nachvollziehbar, dass er sich die Mühe sparen wollte, die ganze Arbeit noch mal zu machen. Glaubt denn jemand im Ernst, dass er damals mit der Absicht, später mal das große Geld zu machen, die Probe geholt hat, damals, als noch völlig unklar war, ob diese ganz neue Gentechnik (Peter war einer der Ersten, die ein menschliches Gen kloniert hatten) überhaupt je auf einen grünen Zweig kommen würde?

Die allerallermeiste Forschung, auch die patentierte, führt nicht zu unmittelbarem Reichtum, deshalb wird auf das Mitnehmen von Forschungsprodukten von einem Institut zum andern häufig nicht besonders geachtet, es ist einfach zu unwahrscheinlich, dass je Interessens- oder Geschäftskonflikte auftreten. In Peters Fall sind sie aufgetreten, 20 Jahre später, aber dass das jetzt diese spektakulären Konsequenzen hat, ist nicht nur seine Schuld. Mit diesem Wachstumshormon, das nicht mehr vermag, als einer kleinen Zahl von Kindern zu etwas größerer Körperlänge zu verhelfen, sind offenbar Beträge verdient worden, die unfassbar hoch sind. Wer hat das bezahlt? Konnte Peter das voraussehen, konnte er damit gerechnet haben, als er damals den Klon nahm? Absurd, oder etwa nicht?

Die geschäftlichen Aspekte wurden vor kurzem in Kalifornien gerichtlich, und zwar gütlich, geregelt. Dabei ist Peter Seeburg als Patentinhaber reich geworden. Hätte das Urteil anders ausgesehen, wäre auch die spontane Beurteilung der Tat (ZEIT Nr. 50/99) sicher anders ausgefallen. Vermutlich hätte kein Hahn mehr danach gekräht. Für die Max-Planck-Gesellschaft, deren Mitglied Peter Seeburg seit fünf Jahren ist, spielt das Geschäftliche eine untergeordnete Rolle. Sie stellt die Frage nach der Haltung Peter Seeburgs als Wissenschaftler, damals, später. Eine Kommission hat sich sorgfältig und gewissenhaft mit dem Problem auseinander gesetzt. Sie hat, wie zu erwarten, die unrichtige Darstellung des Weges, auf dem ein wissenschaftliches Ergebnis erzielt wurde, auch wenn das Ergebnis korrekt dargestellt ist, als wissenschaftliches Fehlverhalten beurteilt. Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft hat auf Empfehlung der Kommission eine Ermahnung ausgesprochen.