Bei einer Probe, 14 Tage vor der Premiere, sagte Tabori, charmant und wie immer ein bisschen vernuschelt: "So, meine Lieben, mit dem Improvisieren und Faxenmachen hört's jetzt auf. Von nun an halten wir uns, bittschön, an den Text." Die Antoni, mit ihrem Hang zu äußerster Disziplin und Wortgenauigkeit, atmete auf - die etwas verwirrende Zeit des Experimentierens und Ausprobierens war vorüber.

Der Ungar Tabori genoss gerade den Vorrang, zur Wiedereröffnung des Berliner Ensembles am 8. Januar sein eigens dazu geschriebenes Stück Die Brechtakte uraufzuführen. Beginn einer neuen Ära an diesem von misslungenen Lösungen gebeutelten Haus, dessen neuer Chef nun Claus Peymann aus Wien ist. Die 54-jährige Carmen-Maja Antoni gehört zu den wenigen Schauspielern des ehemaligen DDR-Ensembles, die er in sein neues Team übernahm.

Jetzt ist sie ganz und gar aufgeschlossen, kribbelig neugierig und ungeduldig gespannt auf die Arbeit mit Peymann. Und genau das Gleiche - Vertrauen und Neugier - erwartet sie auch von ihm. "Ein Gefühl wie bei der Einschulung", sagt sie. "Ich werde sehen, wie ich mich fühle und ob ich hierbleiben will. Zur Zeit bin ich künstlerisch total unterfordert. Man ist wie ein kleines Zubrot, die Diners sind anderen vorbehalten. Ich aber will spielen wie ein Henker."

Brechts sagenhafte Grusche

Es ist erstaunlich, dass die großen Regisseure dem hochkarätigen schauspielerischen Potenzial des Ostens nicht trauen, ja, es nicht einmal kennen. Wer weiß schon von der Antoni, ihrer außergewöhnlichen Spielkunst? Der sagenhaften Grusche in Brechts Kreidekreis zum Beispiel, erdverbunden, naiv und unerschütterlich. Ihren fast schon akrobatischen Verwechslungseskapaden als Don Gil von den grünen Hosen in Molinas gleichnamigem Mantel- und Degenstück. Ihrer anrührend unsicheren, doch spitzzüngigen Eva in Brechts Puntila. Und ihrer bis an die Grenzen der Selbstverletzung gehenden Verwandlung in Manfred Karges Einpersonenstück Jacke wie Hose.

Vor kurzem geriet sie unversehens ins Licht. Es hatte mit ihrer Großmutter in der Verfilmung von Erwin Strittmatters Romantrilogie Der Laden zu tun. Es schien sogar, als sei sie für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Aber keine der Kameras im glitzernden Kölner Coloneum krallte sich an ihr fest. Dabei war die eins zweiundfünfzig große, hochgeknöpfte Antoni die bei weitem interessanteste Erscheinung zwischen all den Dekolletés.

Die rechte Hand von Iris Berben

Sie hakte den Preis in ihrem Kopf ab, lehnte sich entspannt zurück und amüsierte sich. Eine der Kameras blieb fast erstaunt an ihr hängen. Sie kam groß ins Bild: strubbliges strandsandfarbenes Haar, schmaler Mund, lange kräftige Nase. Die Augen spitzbübisch, verspielt. Ein wenig verknurzt, verschrammt, verknittert. "Im Beruf hatte ich immer gegen mein Gesicht anzukämpfen", sagt sie.

Für eine Schauspielerin ist sie erregend hässlich - spektakulär neben all den glatt gerafften, leer gelächelten Gesichtern. Benrath ging nach vorn. Die Antoni erhob sich. Applaus, Applaus, strahlend, überschwänglich. "Das ist man dem Kollegen schuldig", sagte sie und lächelte herzerwärmend. Und wie so oft in jüngster Zeit ist hinter dem Spiel Verletztheit.

Zu DDR-Zeiten war sie ein Star. Mit Preisen überhäuft. Spielte an so renommierten Bühnen wie dem Potsdamer Hans-Otto-Theater, der Volksbühne in Berlin, dem legendären Berliner Ensemble. Koryphäen wie Benno Besson, Fritz Marquardt, Helene Weigel, Ruth Berghaus, Heiner Müller machten ihr künstlerische Avancen. Sie hatte sich nicht zu bewerben, man buhlte um sie. Und sie tat nichts weiter, als mit dem instinktiven Gespür der Besessenen im richtigen Moment das Passende zu wählen.

Ihr verschmitztes Lächeln blitzt auf. "Aber ganz verloren gegangen im Dunkeln bin ich noch nicht. Rosa Roth hat mich davor bewahrt."

In der Krimiserie spielt sie die hilfreiche Sekretärin von Kommissarin Rosa Roth. Auf der Straße kommen die Leute auf sie zu und fragen: "Sind Sie nicht ...?" - "Na klar", sagt sie dann in ihrer unverstellten Art, "ich bin Iris Berbens rechte Hand." Der Regisseur Carlo Rola kannte sie vom Berliner Ensemble und holte sie 1992 für die Serie. Ihre Rolle ist seither gewachsen.

Sie fühlt sich wohl dort. "Ein kleines Team, man findet Vertrautheit vor. Mein unglattes Gesicht kam mir zugute: Ich bin keine Konkurrenz für Iris Berben, die ich übrigens mag."

Sie ist eine ganz und gar ungewöhnliche Frau, die Antoni. Grob, clownesk, rotzig und laut. Dazu eine feine, hellhörige Seele. Eine zärtliche Mutter ist sie und eine leidenschaftlich und großzügig Liebende. Als ihr attraktiver, kluger Mann, Journalist, dem ihr Sohn Jacob sehr ähnlich sieht, aus einem hellen Tag heraus plötzlich starb, annoncierte sie für sich und ihre Kinder: "Was für ein bittersüßer Abschied von unserem wundervollen Papa, meinem so sehr geliebten und schönen Mann ... alle, die in ihn verliebt waren und ihn schätzten wie wir." Viele waren in ihn verliebt. Sie wusste es, konnte es ertragen, weil sie sicher war, dass sie die Einzige war, die er wollte. So versäumte sie am Ende nicht, den anderen ihren Respekt zu zeigen.

Die Wurzel ihrer Außerordentlichkeit sieht sie in ihrem international bunt gemixten Stammbaum und in ihrer Mutter, einer rastlosen und lebenshungrigen Allroundkünstlerin, die sich früh zu Tode trank.

Putzen, waschen, plätten - ein Haustierchen

"Ich war das Haustierchen. Ich konnte putzen, waschen, plätten und den Teppich über die Teppichstange werfen", erzählt sie. Die Mutter war oft auf Tourneen, und die Schwestern kamen immer wieder in Heime. Carmen-Maja revoltierte dagegen, wehrte sich, wurde stark davon. Zu essen hatten sie wenig, oft nur hartes Brot und eingemachte Aprikosen. Die Armut endete, als Carmen-Maja mit elf fürs Fernsehen entdeckt wurde. Sie drehte Filme, sang in einer Fernsehoper, machte im Kinderkabarett mit und kaufte ihrer Familie einen Fernseher und einen Kühlschrank; sie wurde zum Ernährer.

Quick im Kopf und unheimlich schlagfertig

Noch vor dem Abitur bestand sie, "äußerst begabt", die Aufnahmeprüfung und wurde die jüngste Studentin der Filmhochschule Babelsberg, an der sie heute Dozentin ist.

Sie machte ihren Weg, war fühlsam wie ein Tier, hatte Sensoren für das Wahrhaftige, erspürte Unechtes und ließ sich von keinem was vormachen. Von der Schule weg wurde sie ans Potsdamer Hans-Otto-Theater engagiert, das Kreativste, was es damals in der DDR an Theaterkunst gab. Später ließ sie sich von Benno Besson an die Volksbühne und Ende der Siebziger von Ruth Berghaus ans Berliner Ensemble abwerben.

Seit ihr Mann nicht mehr da ist, hat sie ihre Ängste abgelegt. "Jetzt, da ich seinen Schutz nicht mehr habe, leiste ich mir Angst einfach nicht mehr." Mit ihrer Tochter Jennipher - zierlich, blond, schauspielerisch talentiert - unterwirft sie sich wöchentlich mindestens einmal den herausfordernden Exerzitien japanischer Verteidigungskunst.

Was Glück angeht, ist sie anspruchsvoll: "Wenn ich das Fenster aufmache und den Duft von Schnee atme, der auf den Bäumen liegt."

Tabori, 85, kommt in den Probenraum geschlurft, die Haut wie aus verknülltem graubraunem Seidenpapier. Er lässt sich in einen Samtsessel fallen. Auf der Krücke mit silbernem Knauf legt er seine großen geäderten Hände ab, als wären sie ihm zu schwer.

Seine Gebrechlichkeit weicht augenblicklich einer maßgeblichen und von allen erwarteten Präsenz. Er ist humorvoll, ein wenig auf Flirt aus und geistreich. Alle versuchen, sich für seine hinreißende Koketterie bereitzuhalten - besorgt, aufopfernd, liebevoll. Carmen-Maja Antoni, nervös und hoch konzentriert, wartet auf den Beginn der Arbeit.

"Ich biedere mich nirgends an, weil ich mir zu einzigartig bin. Ich denke, dass ich eine außergewöhnliche Frau bin, mit außergewöhnlichen Talenten und Fähigkeiten. Ich bin quick im Kopf und unheimlich schlagfertig; ich kann andere erschlagen damit. Vielen macht das Angst. Aber die, die mich kennen, lieben mich dafür."

Immer noch dieses zeitverschwenderische Geplänkel. Vielleicht muss das so sein und ist überall so? "Nein!" Ihr Protest ist explosiv. "Müller hat uns bei jeder Probe mit der Verslehre des Hexameters traktiert. Jeder hatte sich auszukennen. Wie sonst hätten wir Hölderlin sprechen können?"

Mit einem fast wehmütigen Lächeln: "Ich wurde ausgebeutet, erwartete es quasi, hielt es auch aus und reagierte mit unerhört überraschenden Leistungen. Momentan fühle ich mich geistig zu wenig gefordert."

Die Küchenszene. Carmen-Maja Antoni als Helene Weigel am Herd. Die Figur war lapidar, beiläufig, wurde der Person der großen Mimin und Brecht-Gattin nicht ganz gerecht. Das war Ende November. Die Antoni fasste sich damals, streckte sich, sagte zu Tabori: "Ich bin unglücklich. Die Szene sagt nichts aus. Wenn sie so bleibt, würde ich sie eher streichen."

Tabori schaute sie an, als sähe er sie zum ersten Mal. Er werde ändern, versprach er. Sie blieb skeptisch. "Ich schrecke alle ab mit meiner Power, meiner angesammelten Lebensklugheit. Meine Offerten werden oft nicht honoriert; sie werden meist nur benutzt. Daraus resultiert meine Einsamkeit."

Tabori ändert eine Szene - für die Antoni

Tabori hat geändert. Die Antoni, exzellente Interpretin Brechtscher Lieder, singt nun, am Herd hantierend, den Song vom Surabaya Johnny. "Die Szene wird nicht größer davon, aber die künstlerische Potenz der Weigel viel deutlicher", freut sie sich.

Ist die Antoni bescheiden geworden? Nein. Zu plötzlich und aus keinem erkennbaren künstlerischen Grund war sie einfach nicht mehr präsent. So etwas kannte sie nicht. Immer war sie gefragt. Im Monat bis zu 26 Vorstellungen - keine Pfiffe, keine Häme, kein Verriss. Sie weiß, was sie kann, weiß, dass sie jederzeit in der Lage ist, sich höchst komödiantisch zu mobilisieren. Doch seit Jahren verlangt es ihr niemand ab.

Verbittert ist sie nicht. Sie wartet auch nicht auf die große Traumrolle. "Man kann aus jeder guten Rolle eine Traumrolle machen", sagt sie. Und dann, fast trotzig: "Ich will Rollen, auf Chargen habe ich keinen Bock!"