Die Details dieses Falls garantieren Dramatik und Spannung: Ein junger Mensch kommt unter mysteriösen Umständen zu Tode, der Anwalt der Eltern wirft der Polizei Versagen vor, jemand versichert, auf eigene Faust ermitteln zu wollen, die Eltern hadern mit dem schrecklichen Ende ihres Sohnes und beteuern, ein Suizid könne es nicht gewesen sein. Seit einem Jahr ist der Tod des 26-jährigen Computerspezialisten Boris F., der sich nach dem Helden des gleichnamigen Disney-Films Tron nannte, das beherrschende Thema im Hacker-Milieu. Der junge Mann aus Berlin-Britz war im Oktober 1998 erhängt in einem Park gefunden worden. Die Mordkommission ermittelte über ein Jahr, fand aber keine Anzeichen für eine Gewalttat.

Merkwürdig: Die Sache mit den Nudeln

Nachdem Boris' Leiche entdeckt wurde, ordneten die Ermittler eine Obduktion an. Es bestand Mordverdacht. Das Ergebnis des Pathologen, eines anerkannten Wissenschaftlers mit internationalen Referenzen, war jedoch eindeutig: Suizid.

Boris F. verabschiedete sich an einem Sonnabend von seiner Mutter, bei der er wohnte, verschwand spurlos und erhängte sich vier Tage später. Am Donnerstag wurde er von einem Spaziergänger entdeckt. Niemand kann sich jedoch erklären, wo Tron sich in den vier Tagen vor seinem Tod aufgehalten hat. Er hatte keine Freundin, aber es gab keine Anzeichen für Depressionen oder andere Motive für einen Selbstmord.

Der Vertreter des CCC konstruiert eine abenteuerliche Geschichte: Es handele sich um einen Mordfall. Vermutlich sei Tron schon am Samstag getötet worden. Das Nudelgericht, das in seinem Magen gefunden worden ist, entspräche dem Augenschein der Mahlzeit, die er am Samstag zu sich genommen habe. Fazit: Der Hacker müsse nach seiner Ermordung "72 bis 96 Stunden fachmännisch bei vier Grad gekühlt worden sein", damit die Täter Zeit hatten, eventuelle Spuren zu verwischen, dann sei er - mit identischer Strangfurche - im Park aufgehängt worden, um Suizid vorzutäuschen. Mögliche Täter und deren Motiv kennt man jedoch nicht. Hauptkommissar Klaus Ruckschnat, Leiter der 3. Mordkommission im Berliner Landeskriminalamt, schüttelt nur den Kopf.

Der angebliche Hacker-Mord könnte zu den Akten gelegt werden, wenn die Geschichte nicht alle Ingredienzien für ein fantastisches Drehbuch hätte. Tron wurde zum Mythos für die kleine Gemeinde der fanatischen Computerfreaks wie die "Morde" von Stammheim für die letzten verbliebenen RAF-Sympathisanten. Man verzeiht es jemandem nicht, die Hoffnungen, die man in ihn setzt, enttäuscht zu haben. Boris F. galt als einer, der sich an der vordersten Front der Erkenntnisse bewegte. Einer, der immer der Beste sein wollte und der Erste, der eine Software knackt, bevor sie kommerziell verwertet werden konnte. Geld interessierte ihn dabei überhaupt nicht. Wenn er ein paar hundert Mark für eine DPSC (Digital Pirate Satellite Card) bekommen konnte, musste einer seiner Freunde den Kontakt zu den möglichen Kunden herstellen. Mit ein wenig Abstand liefern Trons Taten und Haltung die Vorlage, um in ihm einen Robin Hood zu sehen, der seine Schätze den anderen gibt und für die gerechte Sache eintritt, oder einen David, der den Goliaths der Industrie ihre Grenzen zeigt. Und der, wie ein naiver Held der Nibelungen-Sage, nicht merkt, dass hinter seinem Rücken eine heimtückische Intrige gesponnen wird, der er zum Opfer fällt. Im Nachhinein scheint Boris F. auch einen zeitgenössischen Mythos zu verkörpern: Tron, für den die Grenzen zwischen Realität und Cyberspace in einer diffusen Matrix verschwimmen.

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