Dürfen Frauen Soldatinnen sein? Dürfen sie Waffen tragen? Dürfen sie um des militärischen Auftrags willen Leib und Leben einsetzen, gar töten? In vielen Ländern lautet die Antwort auf diese Fragen heute: Sie dürfen. Nur in Deutschland untersagt es ihnen das Grundgesetz seit 1956. "Unsere Auffassung von der Natur und der Bestimmung der Frau verbietet einen Dienst mit der Waffe", hieß es damals im Bundestag. Wenn die Westbindung schon nicht ohne Wiederbewaffnung zu haben ist, dachten die Verfassungsväter, die an der Ostfront vor den russischen Partisaninnen gezittert hatten - dann wenigstens ohne Flintenweiber.

Am Dienstag dieser Woche entschied der Europäische Gerichtshof in Luxemburg, dass das deutsche Waffendienstverbot in Artikel 12a des Grundgesetzes gegen Europarecht verstößt. Das heißt nicht, dass die Klägerin Tanja Kreil sofort einrücken darf, auch wenn Verteidigungsminister Rudolf Scharping schon verkündete, die Bundeswehr werde ab 2001 weiter für Frauen geöffnet. Die deutsche Regierung muss erst einmal beschließen, wie sie mit der Luxemburger Entscheidung umgeht. Deutschland ist verpflichtet, den Artikel 12a nicht mehr anzuwenden,aber wie es das tut, ist seine Sache. Die klarste Lösung wäre eine Änderung des Grundgesetzes. Weniger aufwändig, aber mit Verrenkungen verbunden wäre es, den Artikel 12a so auszulegen , dass er zumindest den freiwilligen Dienst an der Waffe erlaubt.

Das Militär ist seit alters her eine Bastion der Männlichkeit. Kriegerinnen gab es immer, von der Keltenfürstin Boadicea bis hin zu den gefürchteten Guerillakämpferinnen der Eritreischen Volksbefreiungsfront. Auch in den beiden Weltkriegen dieses Jahrhunderts wurden Frauen zu Kriegsdiensten herangezogen, ja sogar zwangsverpflichtet. Ausnahmen blieben sie dennoch. Und wenn die Schlachten geschlagen waren, wurde die Amerikanerin wie die Eritreerin schleunigst an die zivile Front zurückgeschickt: Ehe, Familie und Gemeinschaft.

Soziale Kompetenz ist heute genauso nötig wie Muskelkraft

Heute hingegen tun Frauen in fast allen Streitmächten von Nato und EU freiwilligen Dienst. Sie sind dabei noch immer klar in der Minderheit, dienen nicht in allen Waffengattungen - und selten in Kampfeinheiten; aber es werden immer mehr, bis in die obersten Dienstränge. Mehr noch: Jene Streitkräfte, welche die dramatischsten Konsequenzen aus dem Ende des Kalten Krieges gezogen haben - durch Verkleinerung, Modernisierung und Umorientierung von der Heimatverteidigung hin zur weltweiten Krisenintervention -, haben die höchsten Frauenanteile: Frankreich, Großbritannien, Kanada und die Vereinigten Staaten. Was ist da geschehen? Und warum?

Erstens: Für die Staaten Europas und Nordamerikas ist die Bedrohung des eigenen Territoriums gering geworden. Die Kampfeinsätze am Golf, in Bosnien und im Kosovo stehen für die Kriege der Zukunft: An die Stelle der Panzerschlachten von einst ist der (vermeintlich) "klinisch saubere" Luftkampf über abgelegenen Krisengebieten getreten. Der Gegner wird mit ferngesteuerten Präzisionswaffen zermürbt. Gibt er auf, besetzen kleine Bodenverbände das Gebiet. Dann rücken spezialisierte Einheiten nach, um die Waffenruhe zu sichern und den Wiederaufbau zu verwalten - oft für lange Zeit.

Die klassische Stärke des männlichen Kriegers - die Kombination von Muskelkraft und Aggressivität - ist fast nur noch in der kurzen Besetzungsphase ausschlaggebend. Für die anderen Aufgaben, von der Wartung von Raketenbatterien über die nächtliche Patrouillenfahrt bis hin zu Verhandlungen mit zivilen Helfern oder verzweifelten Flüchtlingen, zählen andere Eigenschaften mehr: Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer und soziale Kompetenz. Und hier sind Frauen genauso gut wie Männer, manchmal sogar besser. Kein Wunder also, dass in Somalia, Haiti und Bosnien Tausende US-Soldatinnen dabei waren. Am Golfkrieg waren 40 000 Amerikanerinnen beteiligt, viele in unmittelbarer Nähe der Kämpfe. Elf kostete es das Leben.