Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung" - dieser berühmte Satz aus dem Gantenbein- Roman von Max Frisch lässt sich gut anwenden auf die Probleme beim Versuch, Leben und Werk eines Dichters wie Kleist zu verstehen. Man versucht, einen Zusammenhang zu konstruieren, eine Sinngeschichte zu erzählen, und nimmt die Stimmigkeit am Ende sogar als Hinweis auf die Wahrheit: So könnte es gewesen sein, das könnte er gemeint haben.

Nun ist bekannt, wie Kleist sich herumgeschlagen hat mit seinem Leben und Werk, dass es für ihn schließlich nur winzige Sinninseln im Ozean des Unbegreiflichen gab, Augenblicke des Entzückens, des Entsetzens, der Leere, also gerade keine Kohärenz und keine zwingende Logik. Er hat es sich anders gewünscht, im Geiste der Aufklärungsphilosophie hatte er sich bekanntlich einen "Lebensplan" entworfen und seiner Schwester Ulrike 1799 darüber geschrieben: "Ein schönes Kennzeichen eines solchen Menschen, der nach sicheren Prinzipien handelt, ist Konsequenz, Zusammenhang und Einheit in seinem Betragen. Das hohe Ziel, dem er entgegenstrebt, ist das Mobil aller seiner Gedanken, Empfindungen und Handlungen. Alles, was er denkt, fühlt und will, hat Bezug auf dieses Ziel, alle Kräfte seiner Seele und seines Körpers streben nach diesem gemeinschaftlichen Ziel."

Kleist hatte also versucht, Ordnung zu schaffen, aber es war ihm niemals gelungen. Und obwohl oder gerade weil man dies weiß, ist der Interpret immer wieder der Versuchung ausgesetzt, eine nachträgliche, analytische Ordnung im Unordentlichen zu stiften.

Der ungarische Essayist und Literaturwissenschaftler László Földényi, bekannt geworden in Deutschland mit hellen Büchern über dunkle Themen wie Melancholie, Goya oder Caspar David Friedrich, hat dieser Versuchung widerstanden mithilfe eines blendend einfachen Kunstgriffs. Statt eine lineare Lebensgeschichte und eine kohärente Gesamtinterpretation zu geben, verfasste Földényi zu 96 Wörtern, die im Werk Kleists eine wichtige Rolle spielen, Kurzessays mit Querverweisen, sodass ein doppeltes Netzwerk entsteht, eines aus Kleistschen Wörtern und ein anderes aus Földényischen Essays. Es ist ein Buch daraus geworden ohne eigentlichen Anfang und Ende, weil der Zufall des Alphabets die Anordnung regiert, und dieser Zufall will es, dass die letzten Seiten des Buches dem Wort "Zufall" gewidmet sind und die ersten Seiten dem Wort "Ach". Und da man am Ende dieses wunderlichen, ergreifenden und irritierenden Buches auch am liebsten "Ach" sagen würde, fängt man die Lektüre am besten mit dem anfänglichen Essay über das "Ach" bei Kleist an.

Wie virtuos Kleist diesen Ausdruck einzusetzen versteht, zeigt der Vergleich mit den "Achs" in einem frühen Aufsatz Kleists über das Glück. Hier dient das "Ach" lediglich der sentimentalen Verstärkung des Gesagten. Danach erst beginnt die steile Karriere des "Achs". Sechzehnmal ist es zu hören in der Penthesilea, und jedes Mal klingt es anders. "Ach", seufzt Penthesilea, als sie den Geliebten erblickt und er sie anblickt, und "Ach", als sie den Geliebten zerrissen hat, und "Ach", als sie alles dies nicht mehr versteht und es ihr die Sprache verschlägt.

Das "Ach" - die Sprache der Sprachlosigkeit. So verhält es sich auch mit dem berühmtesten "Ach" der Weltliteratur, Alkmenes Seufzer, als sie von Jupiter verlassen wird, der ihr in Gestalt des Gatten Amphitryon eine Liebesnacht geschenkt hatte. Wie überlebt ein sterbliches Wesen diese Heimsuchung durch einen göttlichen Liebhaber? Wie kann das Leben danach weitergehen? Muss es nicht zur Wüste werden, und ist das "Ach" nicht auch Ausdruck des Schreckens vor dem Undsoweiter der Gewöhnlichkeit?

Kleists Gott lebt in Blitzen und Zufällen