Gegen ein Uhr morgens stieg Tamara aus dem Küchenfenster des Hotels Tisovac. Sie trug ihre Arbeitskleidung, bestehend aus einem Bikini, ließ aber die hochhackigen Schuhe im Bordell zurück. Eine halbe Stunde lief sie barfuß über die Äcker und Schotterwege. Dann verkroch sie sich in einem zerschossenen Bauernhaus. Spätestens jetzt mussten sie im Tisovac gemerkt haben, dass eine der Frauen fehlte. Es regnete an diesem Abend, was Tamara als Glücksfall betrachtet. Dragan, der Besitzer, hatte wahrscheinlich seine Kellner mit den Hunden losgeschickt. Nach zwei, drei, vielleicht auch vier Stunden humpelte sie zur Landstraße, dem erstbesten Auto entgegen. Sie hatte Glück - zum zweiten Mal in dieser Nacht. Was hielt, war kein BMW, kein Mercedes aus Dragans Fuhrpark, sondern eine Klapperkiste, deren Fahrer sie völlig verdattert anstarrte. Merkwürdiger Anblick: ein pummeliges, halb nacktes Mädchen mit verschmiertem Makeup und ausländischem Akzent mitten in der Nacht auf einer bosnischen Landstraße. Sie heulte und kratzte sich pausenlos.

Der Hautausschlag ist inzwischen weg, das Gesicht hat in den vergangenen beiden Monaten wieder Farbe gewonnen. Der Babyspeck, die Sommersprossen, die bunten Plastikschmetterlinge im Haar und die angeknabberten Fingernägel - 15 Jahre alt mag sie sein. Auch dass sie raucht, lässt sie nicht so alt wirken, wie sie zu sein behauptet: 22 Jahre. Eine indische UN-Mitarbeiterin hat ihr einen schicken glänzenden Trainingsanzug, Schuhe und Wäsche besorgt, sie zum Frauenarzt begleitet und anschließend bei einer Rentnerin in Sarajevo einquartiert. Dort waren bis vor kurzem Nachbarn aus zerbombten Häusern untergekommen. Jetzt ist die zugige Zweizimmerwohnung Tamaras Unterschlupf. Hier versteckt das Büro des UN-Kommissariats für Menschenrechte Frauen aus Moldawien, der Ukraine, Russland oder Rumänien, die der Zwangsprostitution in bosnischen Bordellen entronnen oder bei Razzien befreit worden sind. Eine UN-Schutzzone der außerordentlichen Art.

Die Pässe der Frauen halten die Bordellbesitzer wie Wertpapiere

"Kleine Dicke sind billiger", sagt die Inderin von der Uno, die mit den Preisspannen dieses Marktes so gut vertraut ist wie andere mit Börsennotierungen. Nadja aus Rumänien, groß und schlank, hat es auf 3000 Mark gebracht. Sie hatte sich zu Hause von einer Freundin, die sie heute nicht mehr als "gut" bezeichnen würde, einen Job als Tänzerin im Ausland vermitteln lassen. Vor zwei Wochen fischte die Polizei sie aus einem Bordell bei Sarajevo. Die beiden Moldawierinnen hatten auf Anzeigen geantwortet, die ihnen Arbeit als Kellnerin in Italien versprachen. "1000 Mark Monatsgehalt. Billige Unterkunft. Reisekosten werden übernommen." Eigentlich müssten sich die bosnischen Behörden dieser Frauen jetzt annehmen. Doch erstens funktioniert die Regierung vier Jahre nach dem Dayton-Abkommen nur manchmal und mancherorts, und zweitens rangieren ausländische Zwangsprostituierte weit unten auf der Prioritätenliste. Also kümmern sich um die Frauen Angehörige der UN-Verwaltung. Sie kaufen Kleider und Zigaretten. Sie verhandeln mit den rumänischen, ukrainischen oder moldawischen Botschaften über Reisedokumente, denn die Pässe der Mädchen stecken in den Schubladen oder Safes der Bordellbesitzer - quasi als Wertpapiere. UN-Mitarbeiter zahlen die Unterbringung in Pensionen oder Privatwohnungen aus eigener Tasche oder gehen im Kollegenkreis sammeln, um das Geld für den Heimflug der Frauen zusammenzubekommen.

Man könnte das als improvisierte Wiedergutmachung betrachten. Prostitution und Frauenhandel gelten in Bosnien, wo ansonsten wenig boomt, als blühender Wirtschaftszweig: nicht trotz, sondern wegen der Präsenz der "internationalen Gemeinde", wie das organisatorische Knäuel von Uno, SFor oder OSZE hier genannt wird. Mehrere 10 000 männliche Ausländer, die einen in Zivil, die anderen in Uniform, alle zusammen aber mit westlicher Währung und ordentlichem Hormondruck ausgestattet, garantieren eine stabile Nachfrage nach Bordellen. Und in denen warten immer mehr Frauen, die gezwungen werden, ihren Körper zu verkaufen. Zwangsprostituierte.

Dass eine gewisse Ansammlung von Männern an Einsatzorten fern der Heimat augenblicklich das Prostitutionsgeschäft ankurbelt, kann man für einen Kollateralschaden oder ein naturgesetzliches Phänomen halten. Bloß sind es in Bosnien nicht Sextouristen, Bauarbeiter auf Montage oder gewöhnliche Soldaten, die im Bordellbesuch das größte Freizeitvergnügen sehen, sondern "internationale Helfer" im Dienste von Institutionen, deren Buchstabensalat zur globalen Chiffre für den kategorischen Imperativ werden soll: eine Art mobiles Menschenrechtskommando mit Wiederaufbaukasse, Suppenküche, blauen Helmen auf dem Kopf und internationalen Konventionen unterm Arm, dem es oft an Durchschlagskraft und Effektivität mangeln mag, nie jedoch am guten Willen. Deshalb wird ein notorisches Problem humanitärer Interventionen regelmäßig unter den Teppich gekehrt: Viele "Helfer" - vom Peace-Keeper unter UN- oder Nato-Kommando über den Lkw-Fahrer für das Flüchtlingshilfswerk bis zum internationalen Polizeiausbilder - halten bei ihren Einsätzen den Bordellbesuch für ihr Recht. Obwohl sie wissen und wissen müssen, was Prostitution in einem Kriegs- oder Krisengebiet heißt: Ausbeutung von Frauen und Mädchen, die sich aus purer Existenznot verkaufen oder in einer florierenden illegalen Ökonomie als Ware verhökert werden.

Für Tamara zählten die ausländischen Freier im Hotel Tisovac zum kleineren Übel der Arbeit. Sie rochen besser als die Freunde von Dragan aus der dritten Brigade der HVO, der kroatisch-bosnischen Armee, die in Busovaca gleich neben einer SFor-Basis stationiert ist. Die Internationalen zahlten den vollen Preis: 100 Deutschmark für die ganze, 50 für die halbe Stunde. Einheimische Freunde des Hauses dagegen bekamen Rabatt. Die Frauen erhielten nichts von dem Geld, Essen und "Arbeitskleidung" wurden gestellt. In der hauseigenen Buchführung wuchsen die Schulden der Mädchen bei ihrem Besitzer, der Monat für Monat ziemlich viel für Kost, Logis und Kleidung verlangte. Es dauerte fast ein Vierteljahr, bis in Tamara die Angst vor der Zukunft jene vor den Hunden und den sichtbaren Schusswaffen der Kellner überwog und sie aus dem Fenster sprang.