Das Jahr 2000 war noch keine drei Tage alt, da meldete sich mit Macht die Vergangenheit zurück. Frau K. aus der Emilstraße in Wattenscheid schaute an diesem Sonntagmorgen gerade durchs Wohnzimmerfenster, als sich 25 Meter entfernt in ihrem gepflegten Garten ein Krater auftat. Merkwürdig langsam versanken erst Sträucher, Hecken und Tannen. Dann gab es einen Höllenlärm. Die Frau sah noch, wie die Garage des gegenüberliegenden Hauses samt Auto in das Loch krachte. Dann sah sie vor lauter Staubwolken nichts mehr. In der folgenden Nacht verschwand eine weitere Garage in der Tiefe, und tags darauf tat sich ein zweiter, kleinerer Krater auf.

Der "Tagesbruch", wie man solche vom Bergbau verursachten Einbrüche nennt, hat dem Ruhrgebiet wieder einmal gezeigt, dass sich seine Geschichte nicht so leicht abschütteln lässt. Mögen auch über Tage die Hinterlassenschaften des Bergbaus Touristen anlocken, wie die zu Landschaftskunstwerken gestalteten Halden oder die schicken Kulturzentren in ehemaligen Zechen - unter Tage poltert immer noch der Berggeist.

Wahrscheinlicher ist, dass der Tagesbruch mit der Zeche "Vereinigte Maria Anna und Steinbank" zusammenhängt, die schon 1904 stillgelegt wurde. Ein Förderschacht des Bergwerks liegt genau zwischen den beiden Kratern. Bei Abbrucharbeiten war damals das Fördergerüst samt Maschinen in den Schacht gefallen und hatte sich in 40 Meter Tiefe verkeilt; der Hohlraum darunter ließ sich nicht mehr verfüllen. Zwar erhielt der Schacht 1991 einen Betonpfropf, doch konnte der möglicherweise nicht verhindern, dass das verkeilte Gerüst nun zusammengestürzt und Erde nachgerutscht ist. Klarheit sollen Bohrungen schaffen, sobald die riesige Betonmasse, die jetzt in die Löcher gefüllt wurde, getrocknet ist. Für die Schäden hätte dann die Veba aufzukommen, der das Grubengelände heute gehört.

Jahr für Jahr werden dem Landesoberbergamt 50 bis 70 Schäden aus dem stillgelegten Bergbau gemeldet, rund 30 davon sind Tagesbrüche. Oftmals lassen sich die Verursacher jedoch nicht mehr feststellen, vor allem im südlichen Ruhrgebiet. Dort begann der Stollenbergbau schon um 1750, doch erst 100 Jahre später wurde es Pflicht, Karten von Schächten und Stollen, das "Grubenbild", anzulegen. Dabei wären lückenlose Informationen gerade über das südliche Revier wichtig, denn dort lag die Kohle dicht unter der Oberfläche. Stürzt hier ein Stollen ein, bricht meist der Boden weg wie jetzt in Wattenscheid.

Doch auch das besser erkundete nördliche Revier, die Region um Emscher und Lippe, in die der Bergbau um die vorige Jahrhundertwende vorstieß, bleibt von Bergschäden nicht verschont. Weil die Kohle hier in 1000 bis 1200 Meter Tiefe lagert, bricht die Erde zwar nicht ein, sinkt aber großflächig ab, stellenweise mehr als 20 Meter. Der Grundwasserspiegel steigt, Wälder und Wiesen saufen ab, Häuser neigen sich zur Seite, Fassaden und Straßen bekommen Risse. So ist mehr als ein Drittel der Emscherregion Polderfläche. An die 100 Pumpwerke müssen das Gebiet entwässern. Pro Sekunde fördern sie über 500 000 Liter Wasser und sorgen so dafür, dass Gelsenkirchen, Oberhausen oder Gladbeck nicht in einem See versinken. In Lünen-Horstmar fließt der Datteln-Hamm-Kanal fast 20 Meter über den benachbarten Häusern vorbei; vor der Bergsenkung konnten die Anwohner auf das Wasser hinabblicken.

Wegen der Bergsenkungen wurden auch keine unterirdischen Abwasserrohre verlegt. Deshalb mutierten die Emscher und ihre Nebenflüsse, insgesamt 360 Kilometer Wasserläufe, zum größten offenen Abwassersystem der Welt. Die Flussbetten wurden in Beton gefasst und wegen Lebensgefahr eingezäunt. Und doch lassen hier immer wieder Menschen ihr Leben. Wer hineinfällt, findet an den Betonschalen keinen Halt mehr. 1983 starb so der ZEIT- Reporter Michael Holzach, als er seinen Hund Feldmann retten wollte. Erst jetzt, nachdem der Bergbau nach Norden gezogen und Ruhe unter der Emscher eingekehrt ist, werden Schmutz- und Flusswasser getrennt, Rohre verlegt, Klärwerke gebaut.

Die Bewohner in Bergsenkungsgebieten sind daran gewöhnt, dass der Suppenteller oder die Badewanne auf einer Seite voll und auf der anderen halb leer ist. Werden schiefe Häuser mithilfe hydraulischer Hebewerke gerade gerückt, müssen sich manche erst wieder ans lotrechte Leben gewöhnen. Die Anwohnerin einer Zechenkolonie im Essener Norden klagte sogar über Kreislaufbeschwerden, nachdem ihr Haus wieder gerade stand.