Es dauerte exakt 48 Stunden, dann war die gute Laune endgültig verflogen.

Noch Sonntagmittag, nach der fünften Runde des Bündnisses für Arbeit, schwärmte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt von "einer ganz entscheidenden Weichenstellung für die Tarifpolitik der Zukunft". Am Dienstag fand man sich im vertrauten Zank wieder. Die IG Metall präsentierte eine Lohnforderung von "bis zu 5,5 Prozent", und natürlich will sie auch die Rente mit 60 durchsetzen, die Hundt "vom Tisch" glaubte. "Verantwortungslos" handele die IG Metall, befand wie bestellt Industrieverbandspräsident Hans-Olaf Henkel.

Nun muss man das alles nicht so ernst nehmen, die Handelnden selbst tun es ja auch nicht. "Unfug" nennt IG-Metall-Chef Klaus Zwickel die Kritik der Arbeitgeber, die Forderung seiner Gewerkschaft verstoße gegen die Bündnis-Erklärung vom Sonntag, nach der "der sich am Produktivitätszuwachs orientierende, zur Verfügung stehende Verteilungsspielraum vorrangig für beschäftigungswirksame Vereinbarungen genutzt" werden soll. Denn, so Zwickel: "Das Papier beschreibt die Ziele, die ganz am Ende stehen sollen, wir reden über eine Forderung." Will sagen: Wir bekommen doch sowieso nicht, was wir fordern. So verheddern sich die Grundsatzbeschlüsse des Bündnisses mit den Ritualen der Tarifpolitiker, von denen diese nicht lassen können.

Doch der Streit geht tiefer. Kurz nach dem Berliner Treffen waren sich die Beteiligten nicht mehr einig, worauf sie sich gerade geeinigt hatten. Soll fortan nur das Wachstum der Produktivität Orientierungsgröße der Lohnpolitik sein, oder gehört weiterhin auch die Inflationsrate in die Rechnung? Für die Gewerkschaften ist Letzteres so selbstverständlich, dass es nicht erwähnt werden müsse. Die Arbeitgeber pochen darauf, dass die Preissteigerung keine Rolle mehr spiele.

Und weiter: Gilt die gesamtwirtschaftliche Produktivität als Richtschnur oder künftig die der einzelnen Branchen? Das nämlich fordern im Interesse einer differenzierten Lohnpolitik viele Ökonomen, es führt aber zu einigen Problemen: Im öffentlichen Dienst etwa lässt sich die Produktivität kaum präzise messen aber auch die Unternehmen der Metallindustrie müssten höhere Löhne zahlen, denn ihre Produktivität wächst oft schneller als im Durchschnitt. Gewerkschafter wie DGB-Chef Dieter Schulte wollen jedenfalls die Gesamtwirtschaft als Maßstab behalten - was ihnen den Spott von Hans-Olaf Henkel beschert: "Wenn Herr Schulte mit dieser verrückten Idee durchkommt, haben wir den Flächentarifvertrag im Quadrat. Dann brauchen wir auch keine Branchen-Gewerkschaften mehr, dann kann Herr Schulte mit Herrn Hundt makroökonomische Verhandlungen für ganz Deutschland führen." Einer freilich bleibt wie meist gelassen: Hubertus Schmoldt. "Diese Unschärfen in der Bündnis-Erklärung sind doch gewollt", meint der Chef der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Eine genauere Festlegung in der Kanzlerrunde hätte keine der auf die Tarifautonomie pochenden Gewerkschaften hinnehmen können.

Präzise Vorgaben für die Lohnpolitik bietet das Bündnis also nicht. Nutzlos ist die Erklärung vom Sonntag dennoch nicht. "Entscheidend ist die deklamatorische, programmatische Ebene", sagt ein DGB-Funktionär, "erstmals haben sich die Gewerkschaften zu einer produktivitätsorientierten Politik bekannt." Daran werden sie sich "messen lassen müssen, wenn sie noch ernst genommen werden wollen", mahnt Schmoldt. Noch vor einem Jahr wollte Zwickel das Bündnis verlassen, wenn dort nur über Löhne geredet würde.

Ob die Worte vom Sonntag aber überhaupt Bestand haben, entscheidet sich schon bald in der Metallindustrie. Die IG Metall will unbedingt "eine Beschäftigungsbrücke zwischen Jung und Alt" bauen und langjährig Versicherten den Ausstieg mit 60 ermöglichen. Dafür wäre sie zu mehrjährigen Lohnabsprachen bereit, dafür würde sie sich auch in anderen Fragen der Arbeitszeit bis zu fünf Jahren festlegen, wie Zwickel vergangene Woche in der ZEIT angeboten hatte. Wird aber nichts aus einem neuen Vorruhestand, dann können die Arbeitgeber auch eine "beschäftigungsorientierte und längerfristige Tarifpolitik", wie sie die Konsensrunde beschloss, in den Wind schreiben - und damit das für sie wichtigste Ergebnis des gesamten bisherigen Bündnisses. "Das Paket gibt es nur als Ganzes", warnt Zwickels Chefstratege Klaus Lang.