Hannah Arendt war eine Frau, deren geistige Unabhängigkeit selbst ihre heftigsten Kritiker nicht unbeeindruckt ließ. Nachdem sie ihr Buch über Adolf Eichmann veröffentlicht hatte, schlug ihr eine Welle der Ablehnung entgegen, und eine internationale Kampagne wurde entfacht. Doch die Zeiten, da Arendt ein intellektueller Paria war, sind gründlich vorbei. Es gibt eine regelrechte Arendt-Industrie, die seit dem Zusammenbruch des Sozialismus in stetem Aufschwung begriffen ist. Die Theoretikerin des Totalitarismus ist die Denkerin der Stunde - gleichermaßen unwiderstehlich für milde gewordene Kalte Krieger, Exfeministinnen auf der Suche nach einer Nachfolgerin für Simone de Beauvoir und reuige Linke. Und so konkurrieren schon zwei Hannah-Arendt-Preise die Flut der Dissertationen und Monografien will nicht abebben.

In Dresden arbeitet seit fünf Jahren ein Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung. Dort eskaliert in diesen Tagen ein Streit, der womöglich die Existenz der Einrichtung bedroht, mindestens aber die weitere Arbeit unter dem Namen der Patronin. Ein prominentes Mitglied des Beirats, der amerikanische Historiker Saul Friedländer, droht mit seinem Rücktritt, die Nachlassverwalterin Arendts mit der Aberkennung des Namensrechts, die Dresdner Bank, Hauptsponsor des Instituts, mit dem Entzug wichtiger Forschungsprojekte. Alle Seiten des Konflikts berufen sich auf Hannah Arendt, und in der Tat geht der Streit im Kern darum, was sich unter Inanspruchnahme ihres Namens lehren lässt, und was nicht.

Soll der Widerstand gegen Hitler delegitimiert werden?

Ein Mitarbeiter des Instituts, der Chemnitzer Privatdozent Lothar Fritze, hatte am 8. November - dem 60. Jahrestag des Bombenattentats von Georg Elser auf Hitler - in der Frankfurter Rundschau einen Artikel veröffentlicht, in dem er dieser Tat die moralische Legitimation absprach. Die Bombe des schwäbischen Schreinergesellen hatte bekanntlich ihr Ziel verfehlt. Statt Hitler kamen acht Personen, darunter eine Kellnerin, zu Tode. Elser hätte sich - so Fritze in seiner moralphilosophisch argumentierenden Kritik - nicht vom Tatort entfernen dürfen, um die Tötung Unbeteiligter zu vermeiden. Er hätte gegebenenfalls die Bombe entschärfen oder den Saal evakuieren lassen müssen.

Solche Einwände - vor allem wenn sie aus dem sicheren Abstand von 60 Jahren und im Ton moralischer Selbstgewissheit erteilt werden - wirken zwar schon ein wenig sonderlich und weltfremd, aber sie sind nicht so völlig abwegig wie die weiteren Einlassungen Fritzes: Dem Attentäter sei "moralisches Versagen" vorzuwerfen, weil seine Tat nicht "Resultat einer kenntnisreichen, sachorientierten und nüchternen politisch-moralischen Kalkulation (war), der dann eine mutige und von Fanatismu s freie Tat gefolgt wäre". Der einzelgängerische Schreiner habe vielmehr "seine politische Beurteilungskompetenz überschritten", indem er 1938 zu der Überzeugung kam, Hitlers Regime führe unvermeidlich zum Krieg. Ein "Durchschnittsbürger", so Fritze, habe dergleichen damals nicht "begründet mutmaßen" können.

Lothar Fritze, der zu DDR-Zeiten nicht publizieren konnte, hat in den vergangenen Jahren einige Arbeiten über das SED-System und seine Täter mit gutem Gewissen (Buchtitel) veröffentlicht. Dieses gute Gewissen garantierte in der DDR ein zur repressiven Ideologie verkommener Antifaschismus. Könnte es nicht sein - so haben verständnisvolle Kommentatoren Fritzes gemutmaßt -, dass sich in seinem Artikel der Affekt gegen den verordneten Antifaschismus der DDR stellvertretend an Georg Elser abarbeitet? Diese psychologisierende Erklärung ergibt allerdings wenig Sinn: Elser spielte in der Antifa-Mythologie der DDR keine Rolle. In der Bundesrepublik wurde er jahrzehntelang als Provokateur in den Diensten der Gestapo verleumdet, für die offizielle Geschichtsschreibung des SED-Staates existierte er einfach nicht. Ein Eigenbrötler als gefährlichster Gegner Hitlers - dies hätte das heroische Bild gestört, das die DDR-Historie vom antifaschistischen Kampf zu malen hatte.

Eine weniger freundliche Deutung für Fritzes geschichtspolitische Intervention drängt sich auf: Die Delegitimation des singulären Widerstandsaktes eines "kleinen Mannes" dient im Gegenschluss der Exkulpation des Mitläufertums. Wer nichts tut, zeigt dann gewissermaßen nur weise Einsicht in die Grenzen seiner "politischen Beurteilungskompetenz" und in die moralischen Aporien der politisch motivierten Gewaltanwendung. Das Ärgernis des Elserschen Eigensinns soll hier entschärft werden, denn Elser schritt ohne Hintermänner und ohne eine fest gezurrte Ideologie - nur seinem Gewissen und seinen politischen Intuitionen folgend - zur Tat, während viel "kompetentere" Leute weiter mitliefen. Die Opfer seines Scheiterns haben ihm auf der Seele gelegen, wie wir aus den Protokollen der Gestapo wissen. Fritze unterschlägt die in den Akten belegten Skrupel Elsers, weil sie nicht zu seinem Bild vom moralisch unzurechnungsfähigen, "leichtfertigen" und "mitleidlosen" Täter passen. Nimmt man die von Fritze aufgestellten rigorosen Kriterien zur moralischen Beurteilung von Widerstandshandlungen ernst, so müssen die meisten unter totalitären Verhältnissen überhaupt denkbaren Akte der Auflehnung illegitim erscheinen. Und das im Text gelegentlich durchschießende Ressentiment gegen den "unerbittlichen und allzu konsequenten" Elser legt den Schluss nahe, ebendiese Delegitimation sei auch ein Ziel des Autors.