Zagreb Anno 1671 schrieb der kroatische Graf Petar Zrinski seiner Frau Katarina einen bewegenden Abschiedsbrief: "Mein liebes Hertz, du darffst dich über dieses mein Schreiben nicht bekümmern und alteriern, der Göttlichen Ordnung nach morgen umb 10. Uhr werden sy mir den Kopf abschlagen ... und derowegen nimbe ich auff diser Welt auch von dir ein ewiges Valete, dich bittend, so ich dich in etwas belaidiget (welches ich waiß) verzeih mir: Gelobt seu Gott, ich bin zum Tod wohl disponirt ...." Graf Zrinski, der sich mit anderen kroatischen und ungarischen Adligen gegen die Unterdrückung durch Habsburg verschworen hatte, wurde am 30. April 1671 in der Wiener Neustadt enthauptet.

Auch seine Frau Katarina und sein Sohn starben in österreichischer Gefangenschaft. Nach den Zrinskis ist im Zentrum Zagrebs einer der schönsten Plätze der ausgehenden k. u. k.-Zeit benannt, der Zrinjevac.

Anno 1971, drei Jahrhunderte nach Zrinskis Exekution, sprach vom Balkon des Eckhauses Zrinjevac 17 ein junger Studentenführer. Diesmal begehrten die Kroaten gegen die Unterdrückung durch das serbische Belgrad auf, Jugoslawiens Präsident Tito ließ den "kroatischen Frühling" zerschlagen. Der patriotische, zugleich pazifistische Studentenführer wurde noch im selben Jahr verhaftet, zufällig wieder vor dem Haus Zrinjevac 17. Er verschwand für Jahre im Gefängnis.

Heute weht vom Balkon Zrinjevac 17 eine gelbe Fahne mit den blauen Buchstaben HSLS, für Kroatische Sozialliberale Partei. Hinter dem Balkon sitzt in einem hohen, frisch getünchten Eckzimmer mit riesigem Kachelofen der Parteichef der Sozialliberalen. Es ist der Studentenführer und politische Gefangene von einst. Drazen Budisa, inzwischen 51 Jahre alt, emphatisch und zugleich liebenswürdig wie in alten Tagen, hat etliche Kilo zugelegt. Das Gesicht runder und geröteter, schaut er weder wie ein asketischer Revoluzzer noch wie ein obsessiver Nationalist aus. Doch dem kroatischen Frühling ist er mit allen Fasern verbunden geblieben.

Seit dem dritten Tag des Jahres 2000 fühlt sich die große Mehrheit der Kroaten wieder im Frühling. Diesmal haben die Bürger gegen die jahrelange Unterdrückung durch den eigenen autokratischen Herrscher und dessen korrupten Hofstaat aufbegehrt. Bei den Parlamentswahlen am 3. Januar erlitt die rechtskonservative Regierungspartei HDZ des am 10. Dezember verstorbenen Franjo Tudjman eine erdrutschartige Niederlage. Und wenn die 4,18 Millionen Stimmberechtigten jetzt am 24. Januar (oder nötigenfalls zwei Wochen später in einer Stichwahl) über ihren künftigen Präsidenten entscheiden - dann hat der Mann vom Zrinjevac 17, Drazen Budisa, die besten Aussichten, der demokratische Nachfolger des selbstherrlichen Tudjman zu werden.

Bis zum 3. Januar hatte der bisherige Außenminister vom gemäßigten Flügel der Tudjman-Partei, Mate Granic, nach allen Umfragen in Führung gelegen. Der 52-jährige Mediziner, von westlichen Diplomaten im Vergleich zu Tudjman als pflegeleicht angesehen, hatte sich schon außer Konkurrenz gefühlt ("Frau Albright nennt mich Mate!"). Doch inzwischen zerfetzt sich seine geschlagene Partei, die radikalen Nationalisten lassen Granic in ihre offenen Messer laufen. Und obendrein demontiert sich der Kandidat jetzt auch noch selbst. Er wolle nicht schwach sein wie ein deutscher Präsident, verkündete Granic - obwohl nach Tudjmans verhängnisvoller Präsidialautokratie alles nach einer starken parlamentarischen Demokratie ruft.

Nichts ist mehr, wie es vorher war, seit dem Sieg des Oppositionsbündnisses aus postkommunistischen Sozialdemokraten (SDP) und Sozialliberalen (HSLS) am 3. Januar. Der Jurist und SDP-Führer Ivica Racan, 1944 in Ebersbach bei Leipzig geboren, wohin seine Mutter als Zwangsarbeiterin verschleppt worden war, ist designierter Ministerpräsident. Und der sozialliberale Präsidentenbewerber Budisa liegt nach neuen Umfragen mit 37 Prozent vor Granic (31 Prozent).