Wer traut schon noch dem ersten Eindruck, der Oberfläche? Wenn wir auf der Kinoleinwand eine herausgeputzte Vorstadtsiedlung sehen, dazu vielleicht noch herausgeputzte Eigenheimbesitzer lächelnd im Vorgarten, was sehen wir dann? Wir sehen natürlich sofort, ganz unwillkürlich, viel Unglück auf uns beziehungsweise die Lächler zukommen. Bestimmt liegt hinter den Fassaden, in den Familien, einiges im Argen, was mit der Zeit hervortritt, eskaliert, womöglich sogar mit Todesfolge. Idylle, das haben wir gelernt, ist immer trügerisch. Im Happy End wird sie zwar weiterhin beschworen, aber als Happy Beginning macht sie sich sofort verdächtig. David Lynch hat diesen Argwohn zu Beginn von Blue Velvet in eine mustergültige Form gegossen, mit seiner berühmten Kamerafahrt an Vorgartenzaun und Rasensprenger vorbei, direkt aufs eklige Gewürm unter dem grünen Gras zu. Heutzutage läuft fast automatisch im Kopf jedes Kinogängers, der vom Film eine hübsche Fassade vorgesetzt bekommt, eine vergleichbare Bewegung ab.

Man scheut deshalb ein wenig davor zurück, Sam Mendes' American Beauty kurz zu umreißen. Es geht nämlich im Grunde um dieses alte Lied, um den Blick über den Gartenzaun, hinter die Türschwelle, hinein ins kalte Herz der amerikanischen Familie. Ein Mann hat die Schnauze voll von Frau und Kind und Job, alle freundliche tägliche Routine ist nur eine Farce, in Wirklichkeit ist er innerlich abgestorben; und dann verliebt er sich neu, die Lebensgeister blühen wieder auf, aber die Umstände sind gegen ihn, und irgendwann sagt es peng! So weit, so geläufig. Im Grunde ist der Enthüllungsbedarf in diesem Fach gedeckt. Andererseits ist es wie mit Boy meets Girl . Man muss die Geschichte nur etwas anders erzählen, und plötzlich fühlt sie sich wieder aufregend und neu an - wie American Beauty .

Mendes verschiebt seinen Film zuerst mit einem Kunstgriff, den er bei Billy Wilders Sunset Boulevard abgeschaut hat. Der Erzähler ist bereits ein toter Mann, als er seine Erzählung beginnt; er rekapituliert nur noch einmal die Vorgeschichte. Bei Wilder sieht die Kamera anfangs auf den Erzähler herab, wie er kopfüber im Swimmingpool treibt, unzweifelhaft eine Leiche. Auch Mendes sieht zunächst auf seine Hauptfigur herab. Der 42-jährige Lester Burnham (Kevin Spacey) liegt ausgestreckt auf dem Ehebett, gerade hat seine Stimme gesagt: "In weniger als einem Jahr werde ich tot sein. Natürlich weiß ich das noch nicht." Jetzt sagt sie: "Aber in gewisser Weise bin ich heute schon tot." So ein Satz verursacht leicht Fettflecken. Das Gewebe von American Beauty greift er allerdings nicht an. Im Gegenteil: Die Todesdrohung imprägniert den Film eher mit einem spröden Gefühl von Vergeblichkeit. Das konterkariert die heitere Note, den Aufbruchsgeist, den Mendes immer wieder in den Vordergrund spielt, ohne ihn je siegen lassen zu wollen.

Kevin Spacey ist dabei in jeder Hinsicht der ideale Hauptdarsteller. Die Mischung aus Coolness und versteckter Energie entspricht genau seinen Neigungen. Schon Spaceys Stimme (seine Original stimme) changiert beständig zwischen einer gedämpften und einer schneidenden Note, und hinter beiden lugt immer noch eine belustigte Färbung hervor. Charaktere, die zunächst eine gewisse Mattigkeit ausstrahlen, sich dann aber als hellwach erweisen (wie in Die üblichen Verdächtigen ), liegen ihm besonders, und Lester Burnham ist so einer. Lester tritt seiner kontrolliert hysterisierten Gattin Carolyn (Annette Bening) anfangs noch als Bettvorleger entgegen, will dann aber wieder zum Tiger werden, der er vermeintlich schon einmal war, in seiner wilden Jugend.

Dazwischen liegt ein entscheidendes Ereignis, und es gehört zu den schönen Ideen von Drehbuchautor Alan Ball und Regisseur Sam Mendes, dieses Ereignis zwar entsprechend zu feiern, seine Banalität aber trotzdem klar herauszustreichen. Während das Ehepaar Burnham widerwillig eine Cheerleader-Tanzdarbietung seiner Tochter Jane (Thora Birch) besucht, erscheint Lester plötzlich deren mithopsende Freundin Angela (Mena Suvari) als eine über alle Maßen begehrenswerte kleine Sexgöttin. Die Welt steht still für einen Moment, und Lester steht der Mund offen, dann ist der Cheerleader-Tanz vorbei, Lester ist um eine überraschende Obsession reicher und muss sein Leben ändern. Er hat ins Herz der amerikanischen Schönheit geblickt, sie trug langes blondes Haar und könnte mühelos jeden örtlichen Miss-Wettbewerb gewinnen. Natürlich ist sie dumm wie Erdnussbutter.

Damit ist aber über die "amerikanische Schönheit" aus dem Filmtitel noch nicht das letzte Wort gesagt. Vielleicht trägt nämlich auch Carolyns Rosenzucht den hochtrabenden Namen. Rosen jedenfalls überfluten fast den Film, adrett gebündelt und geschnitten, stehen sie bei den Burnhams in Blumenvasen, verschwenderisch geht Lesters Fantasie mit ihnen um: Er sieht Angela, nackt auf Rosenblüten gebettet oder darin badend, womit natürlich auch ihre ersehnte Entblätterung aufs Eindeutigste versinnbildlicht ist.

Mendes geht überhaupt an alles ganz unmissverständlich heran. Nichts wird zart entwickelt, alles wird glasklar gezeigt. Alan Balls Dialoge sind pointiert bis zum Platzen, kommen Schlag auf Schlag und erzwingen geradezu eine besondere Konzentration und Strenge der Regie. Mendes gelingt dies Gegengewicht, und zwar nicht obwohl, sondern wahrscheinlich weil dies sein erster Film ist. Der Brite Mendes, 34 Jahre alt, hat bisher ausschließlich am Theater gearbeitet, die längste Zeit in London, zuletzt war er am Broadway mit einer Neufassung von Cabaret sehr erfolgreich. Etwas Theaterhaftes bewahrt er auch in American Beauty . Nicht so sehr die continuity , der Fluss der Erzählung liegt ihm am Herzen. Er hat seinen Film ganz deutlich aus einzelnen Szenen aufgebaut und diese wiederum aus einzelnen Teilen zusammengefügt. Die Farben sind großflächig voneinander abgesetzt und leuchten nach Kräften, das Dekor ist extra sparsam eingesetzt, jede Einstellung wird wie frisch geschält vor die Zuschauer gestellt. Mendes präsentiert seinen Film und seine Figuren gewissermaßen, er kriecht nicht in sie hinein, er umspielt sie, wahrt Distanz und kommt ihnen doch sehr nahe, bei aller satirischen Verve. Als Carolyn, relativ erfolglos als Maklerin tätig, einmal ein Haus zu verkaufen versucht, macht Mendes sich zunächst elegant über ihre Verkaufstechniken lustig (sie redet im Beruf wie in der Ehe die Fassade schön); als sie sich dann aber selbst ohrfeigt für ihre Unfähigkeit, bricht blitzschnell ein dramatischer Ton durch. Zwischen Komik und Ernst schaltet Mendes mühelos hin und her, darin (und in seiner unaufdringlichen Deutlichkeit) erinnert American Beauty mitunter an die Filme von Pedro Almodóvar.