Es gibt keinen Schlussstrich unter die Geschichte. Anders als manche befürchten und andere heimlich hoffen, ist die Öffentlichkeit weit davon entfernt, mit ihrem Bild von der Vergangenheit des "Dritten Reiches" zur Ruhe zu kommen. Kein Faktum, und sei es noch so gut erforscht, scheint davor geschützt, neuerlichem Zweifel und neuerlichen Versuchen zur Umbewertung ausgesetzt zu werden.

Unter allerlei Geschrei wird derzeit, um mit einem harmlosen Beispiel zu beginnen, die Frage nach der Alleintäterschaft Van der Lubbes beim Reichstagsbrand wieder aufgerollt, die längst für gesichert galt. Die Geschichtsschreibung mag in diesem Fall von der kritischen Dreinrede sogar profitieren, obwohl die Logik des Verdachts und der Unterstellung, die mit solchen Revisionsverlangen einherzugehen pflegt, oft genug für andere als wissenschaftliche Interessen zeugt.

Der Fall mag grotesk und abwegig erscheinen, er zeigt aber im Kern das Muster, das auch dem jüngst aufgebrochenen Streit am Dresdner Hannah-Arendt-Institut zugrunde liegt. Auch Lothar Fritzes Aufsatz über den Hitler-Attentäter Georg Elser, der die Empörung auslöste, ist mit dem Verweis auf die Freiheit der Forschung verteidigt worden. Nun hat Fritze zwar keine Fakten und schon gar nicht die Verbrechen des "Dritten Reiches" bestritten. Er hat aber in seinem moralphilosophischen Traktat die ethische Berechtigung des Attentats bezweifelt. Er hat gegen keinen Faktenkonsens, wohl aber gegen einen Konsens der Bewertung verstoßen.

So scheint es. Auch in Fritzes Fall ließe sich nach dem politischen Interesse fragen, das ihn geleitet hat. Gegen den staatlich verordneten Antifaschismus der DDR und seine Heldenverehrung nachträglich aufzubegehren könnte ein denkbares Motiv gewesen sein; ein anderes könnte darin bestehen, die verbreitete Anpassung und Widerstandslosigkeit der DDR-Bevölkerung implizit zu rechtfertigen mit dem Verweis auf die moralische Zweifelhaftigkeit des Widerstands in einer anderen deutschen Diktatur. So könnte man mutmaßen und sich darüber empören, wie die Geschichte hier nach den psychischen Bedürfnissen der Gegenwart in Dienst genommen wird.

Mit dem Verweis auf eine DDR-Biografie ist der Fall aber nicht erledigt. Er wäre es nur, wenn Fritze mit seiner Abwertung des Widerstandes allein stünde und wenn es den Bewertungskonsens tatsächlich gäbe, gegen den er verstoßen zu haben scheint. So ist es aber nicht. Die Thesen Fritzes wirken zwar wie ein merkwürdiger Rückfall in die fünfziger Jahre, in denen die Berechtigung zum Widerstand noch verteidigt werden, im Fall des 20. Juli sogar vor Gericht (wie in dem berüchtigten Remer-Prozess) gegen Verleumder erstritten werden musste. Tatsächlich ist aber der Rückfall in die Debattenlage der fünfziger Jahre eine durchgängige Tendenz in der jüngeren Geschichtsschreibung und in der Wahrnehmung des Widerstands durch die Öffentlichkeit.

Sie sind nicht für die FDGO gestorben

Das letztes Jahr erschienene Buch des Amerikaners Theodore S. Hamerow kehrt in seiner Bewertung des 20. Juli sogar zurück zu der Einschätzung durch die Alliierten unmittelbar nach Kriegsende. Die Verschwörer, allesamt ehemalige oder noch immer überzeugte Nazis und Militaristen, so seine These, hätten nur kurz vor dem Zusammenbruch noch ihre Haut zu retten, wenn nicht gar die Politik Hitlers in rationalerer Gestalt weiterzuführen getrachtet.