DIE ZEIT: Vergangene Woche hat ihr amerikanischer Konkurrent Craig Venter verkündet, dass seine private Bio-Tech-Firma Celerain nur einem halben Jahr 90 Prozent des Erbguts entschlüsselt hat. Wie weit sind die Deutschen?

HANS LEHRACH: Die drei öffentlichen Sequenziergruppen in Braunschweig, Jena und hier in Berlin haben zur Entschlüsselung des Genoms etwa sieben Prozent beigetragen. Wir hoffen, dass wir bald die Entschlüsselung des Chromosoms 21 als deutsch-japanische Zusammenarbeit publizieren können.

LEHRACH: Wir fördern in Deutschland offensichtlich lieber sterbende Industrien als die Zukunftstechnologien. Dabei riskieren wir, die Zukunft zu versäumen. Selbst Indien und China sind dabei, in diesem Bereich aufzuholen. Aber ein guter vorletzter Platz wird uns in Zukunft auch nicht die Jobs sichern.

ZEIT: Existieren in Deutschland überhaupt noch ernst zu nehmende nichtkommerzielle Genomprojekte?

LEHRACH: Wir haben sowohl im Human-Genom- als auch im Pflanzen-Genom-Projekt viele ausgezeichnete Projekte vorgeschlagen. Aber mit den zur Verfügung stehenden 50 Millionen Mark kann man eben nicht weit springen.

ZEIT: Was geschieht, wenn wir die Entschlüsselung des Erbguts Privatfirmen wie Celera überlassen?

LEHRACH: Es wird den Staat langfristig sehr viel Geld kosten. Nur wenn wir mit öffentlichen Mitteln die Sequenz des menschlichen Genoms entschlüsseln, kann niemand im Ausland diese Gene patentieren. Und nur dann brauchen wir nicht damit zu rechnen, dass wir vielleicht 20 Milliarden an Lizenzgebühren bezahlen müssen für Gene, die Craig Venter patentiert hat.