Physik ist, wenn's kracht. Chemie ist, wenn's stinkt: ein alter Merkspruch aus der Schule. In Deutschland stinkt anscheinend ein ganz anderes Fach: die Ökonomie. Jedenfalls stand sie bei den Schulplanern der Bundesrepublik lange im Geruch des Widerlichen. Wirtschaftliches Wissen sollen gefälligst die Unternehmen und die berufsbildenden Schulen vermitteln; die höheren Schulen sind dafür zu fein: Das war die dominierende Haltung der siebziger Jahre. Und die prägt immer noch die Lage.

Schüler müssen schon Glück haben, damit ihnen Theorie und Praxis der Wirtschaft planvoll näher gebracht werden. Vor allem müssen sie in der richtigen Gegend wohnen - am besten in Bayern, wo sie in Mittel- und Oberstufe neben Wirtschaft und Recht auch Rechnungswesen lernen. Jugendliche in Niedersachsen oder Teilen Ostdeutschlands kommen auch auf ihre Kosten. Ihre Bundesländer haben die ökonomische Bildung ausgebaut.

Wo lernen die Jugendlichen dann, was Wirtschaft ist? Am Markt. Dutzende von Börsenspielen lehren sie, wie man spekuliert. In Business-Plan-Wettbewerben lernen sie, wie man die Idee für ein eigenes Unternehmen in eine markttaugliche Strategie umsetzt. Und wer bei einer der zahlreichen Schülerfirmen mitwirkt, bekommt einen Sinn dafür, wo der Barthel den Most des Kapitalismus holt.

Das Institut der deutschen Wirtschaft lässt den Nachwuchs "Wirtschaft live" erleben. Die Initiative mit Namen Junior macht die Schulbank "zum Chefsessel, von dem Geschäftsideen kreiert, Marketingstrategien aufgearbeitet, Aktienverkäufe gesteuert werden", sagt der Prospekt. Schüler mit Geschäftsideen dürfen ein Jahr lang eine Minifirma unterhalten und erzielen mitunter gar Profit. Mehr als 150 solcher Firmen sind aktiv; eine wird am Ende des Geschäftsjahres als Sieger ausgerufen.

An kaufmännischen Schulen in Baden-Württemberg richtet DaimlerChrysler das Planspiel Risk it 1999 aus. Zum Finale werden die Youngster in die Konzernzentrale eingeladen. Boston Consulting kommt mit "business@school" in die Gymnasien. Die Berater stellen ihr Unternehmen vor und coachen dann Schüler, die eine Geschäftsidee entwickeln wollen. Einige der Teenager dürfen später zum Praktikum in die riesige Consultingfirma. Immer selbstverständlicher tritt die Wirtschaft in der Schule auf und an die Schüler heran.

Derlei Aktionen sind oft sinnvoll, und die Firmen meinen es gut. Das Problem liegt bei den Schulen: Sie schaffen keine Balance durch einen ausgewogenen Ökonomieunterricht. Aber genau diese Aufgabe darf der Staat sich nicht abnehmen lassen.

Neil Postman beklagte das "Ende der Kindheit", weil das Fernsehen den Kindern angeblich alle Geheimnisse des Erwachsenseins offenbare. Heute geht ein weiteres Stück Unschuld verloren: Früher denn je bekommen es Jugendliche mit der Wirtschaft zu tun. Wenn sie kein kritisches Verständnis zu dem aufbauen, was einmal einen großen Teil ihres Lebens bestimmen wird, wird es ihnen später umso schwerer fallen.