Helmut Kohls Rücktritt vom Ehrenvorsitz löst noch nicht die Krise der CDU. Der Parteivorstand hat am Dienstag in Berlin nur das Nötigste getan: Er konnte nicht anders, als Kohl unter Druck zu setzen, sonst hätten die Christdemokraten den letzten Rest an Glaubwürdigkeit verloren. Doch sie spielen sich auf, als hätten sie die Mutprobe bestanden und ein neues Kapitel in der Geschichte der Partei aufgeschlagen.

Der selbstgerechte Ton ist nicht länger zu ertragen und ebenso wenig das Gerede, es seien "Fehler" gemacht worden, wo in Wahrheit wissentlich und willentlich das Recht gebrochen wurde. Diese CDU-Führung ist arrogant und von allen guten Geistern verlassen in ihrer Wagenburg. Sie verhöhnt den Rechtsstaat, die Bürger und namentlich die Juden.

Zweitens: Der Vorstand der CDU hält es für unnötig, darüber hinaus sich bei allen Bürgern zu entschuldigen. Antisemitische Klischees verletzen auch die Gefühle von Nichtjuden. Und jahrelang hat die CDU Verfassung und Gesetze missachtet. Aber das waren im Jargon der Union bloß "Fehlentwicklungen". Wer so redet, der denkt so autokratisch wie Kohl über Demokratie.

Drittens: Wolfgang Schäuble hat den Bundestag irregeführt und als Parteichef ein denkbar schlechtes Beispiel gegeben. Aber der CDU-Vorstand setzt alles daran, ihn zu halten. Schäuble genießt "volles Vertrauen".

Viertens: Ministerpräsident Roland Koch, seit zwei Jahren Chef der hessischen CDU, will erst kürzlich von den schwarzen Kassen seiner Landespartei erfahren haben; offenbar hat er die Herkunft des Geldes, das er 1999 für seine unschöne Wahlkampagne gegen das neue Staatsbürgerschaftsrecht ausgab, nicht überprüft, er hat versagt. Aber jetzt tut er so, als wäre er ein Opfer. Koch gebärdet sich als Aufklärer, der schonungslos die üble Vergangenheit aufarbeitet. Doch für ihn kommen Neuwahlen von vornherein nicht infrage. Sie allein wären Zeichen des Willens zur Läuterung.

Fünftens: Der langjährige Bundesinnenminister und mutmaßliche Straftäter Manfred Kanther bequemt sich erst unter Druck zum selbstverständlichen Rücktritt als Abgeordneter des Bundestags und klagt über die "Treibjagd" gegen ihn. Aber vom hessischen Justizminister erntet er großes Lob.

Sechstens: Unentwegt verspricht die CDU "rückhaltlose Aufklärung". Dieses Wort kann niemand mehr ausstehen ... und der Obmann der Union im Untersuchungsausschuss des Bundestags - auf seine Art - offenkundig auch nicht: Andreas Schmidt will dagegen "kämpfen", dass nach den jüngsten Enthüllungen der Untersuchungsauftrag erweitert wird. Aber nichts ist zu hören von seiner Absicht, dafür zu kämpfen, dass jene Akten über den Fall Leuna zum Vorschein kommen, die seinerzeit aus den Archiven des Kanzleramts entfernt wurden.