Es ist dies der Moment, da alle Last von Herbert Müller abfällt. Plötzlich sieht er nicht mehr aus wie jener Sprechautomat mit dem Gesicht des hessischen CDU-Generalsekretärs, der wochenlang jeder Kamera steinern erklärt hatte, es gebe kein schwarzes Konto bei Hessens CDU. Jetzt lacht er wieder, ein Schulbubenlachen aus einem 39-jährigen Schulbubengesicht. Und erzählt wieder - unbeschwert und ungeschützt. Wie sie tagelang nach einem Beleg für ihren ungeheuerlichen Verdacht gesucht hätten. Wie sie in der vergangenen Nacht im Haus des Ministerpräsidenten, als es ihn gab, den Beleg, im kleinsten Kreis beschlossen hätten, das Lügengebäude der Partei sofort einzureißen. Vorbei, alles vorbei. "Nur die Wahrheit macht frei", sagt Müller.

"Prost", Müller hebt sein Glas. Einer der denkwürdigsten Tage der deutschen Parteiengeschichte - es ist Freitag, der 14. Januar 2000 - nimmt ein beschauliches Ende im Gasthaus Goldener Apfel zu Hofheim. Stundenlang hat Müller nebenan in der Stadthalle das Purgatorium seiner Partei durchlitten. Hat, im Scheinwerferlicht neben Roland Koch und Manfred Kanther sitzend, über erfundene Erblasser und gewaschene Millionen, über Auslandskonten und Schweigekartelle gehört - und zwar vom ehemaligen Landesvorsitzenden der CDU, der die Praktiken der eigenen Partei schilderte. Danach braucht Müller ein Bier.

Am Stammtisch versammeln sich die engsten Mitarbeiter des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Jene junge Garde, die, wie sie erzählt, tagelang im Keller der Landesgeschäftsstelle still nach Dokumenten und Zahlungsbelegen suchte und mit Zweifeln zurückkehrte. Nun, da Manfred Kanther sich erklärt hat, sehen sie das Ende der Affäre und eine bessere Zukunft schon vor sich. "Sonntag ist Handball-Länderspiel, Deutschland gegen Spanien, da kann ich jetzt hinfahren", freut sich Dirk Metz, der Sprecher und Imageberater des Ministerpräsidenten. "Noch eine harte Woche, dann lassen uns die Journalisten in Ruhe."

Am Tisch der Opposition beginnt ein Spiel. Man wirft einander Parolen aus dem politischen Leben des früheren Innenministers Kanther zu: "Law-and-Order-Leute sind wir gern." - "Wehret den Anfängen!" - "Kein Wegschwärzen der Bagatellkriminalität!" - "Hemmschwellen nicht senken!" Bis Plottnitz, einst in Hessen Justizminister, ruft: "Und von solchen Leuten habe ich mich vier Jahre lang als RAF-Anwalt und Freund der Verbrecher beschimpfen lassen müssen."

Einer am Tisch bleibt still. Jürgen Walter, Landesgeschäftsführer der SPD, Jurist, unterzieht gerade Kanthers Geständnis einer Blitzprüfung. Verletzung des Parteiengesetzes? Gewiss. - Untreue? Urkundenfälschung? Steuerhinterziehung? Betrug? Unsicher. - Verjährung? Vielleicht. Alles viel zu komplex, alles noch nie da gewesen. Walters Handy fiept. Der SPD-Fraktionschef ist dran. Will den Grünen Plottnitz sprechen. Strategieabsprache. Plottnitz schweigt hinterher. Worum es geht, wird am nächsten Tag klar: SPD und Grüne wollen Kochs Rücktritt, die Selbstauflösung des Landtages, Neuwahlen.

In Kampfesstimmung ist niemand am Tisch. Wer mag schon frohlocken, wenn sich eine Partei in die Existenzkrise stürzt, um zu überleben? Denn nun hat die CDU doch noch ein Vermächtnis erhalten, folgenreich und nicht fingiert. Ein paar Altvordere haben ihren Nachfolgern den moralischen Ruin der Partei hinterlassen. Der Tagesspiegel wird schreiben: "Kohl ist überall." Ein System mit Subsystemen, hier: Unterabteilung Hessen. Und diese Unterabteilung erhält nur drei Tage später Besuch: Ein Staatsanwalt mit Durchsuchungsbefehl steht vor der CDU-Zentrale.

Kanthers trotzige Beichte wirft so viele Fragen auf, wie sie beantwortet:

- Woher stammt das Geld, das die CDU-Führung in die Schweiz entführte? War es, wie Kanther angibt, legales Geld der CDU? Oder schwarzes Geld, das auf die schwarze Kasse im Ausland verschoben wurde? Gar ein Vermächtnis aus dem letzten Spendenskandal?

Keine der möglichen Antworten verheißt Beruhigung in Hessen. War Roland Koch - wie behauptet - ahnungslos, so steht er als Schöpfung einer CDU-Schattenführung da, gefördert aus dem Schattenreich der Anderkonten. War der Aufklärer in Wahrheit Mitwisser, so ist seine politische Zukunft Vergangenheit.

Viel wird davon abhängen, ob seine Darstellung einer Überprüfung standhält. Seine engsten Mitarbeiter - von denen sich keiner zitieren lässt - schildern die letzten dramatischen Tage vor Kanthers Bekenntnis so:

Am Montag, den 10. Januar, kehrt Roland Koch aus dem Skiurlaub zurück. Auf seinem Schreibtisch findet er nicht vor, was er erbeten hatte: eine schriftliche Erklärung der ehemals Verantwortlichen der hessischen CDU, dass es kein Konto des Landesverbandes außerhalb des Zugriffs der neuen Parteiführung gebe. In diesem Moment, heißt es, habe der Ministerpräsident beschlossen, den Druck auf seinen Vorgänger zu erhöhen.

Seine Zweifel am Kapital aus dem Jenseits sollen schon in den Vorwochen beständig gewachsen sein. "Warum", will einer der Berater gefragt haben, "ist denn irgendwo im Ausland immer einer zur rechten Zeit für die CDU gestorben?" Zweifel seien aber noch keine Indizien. Die habe niemand gehabt. Stattdessen die Dokumente, die Bestätigungen der Treuhänder aus Liechtenstein, die Beteuerungen des langjährigen Schatzmeisters Prinz Wittgenstein, eines Freundes von Kanther. Ein Mann mit legendärem Ruf in der Partei. Man habe ihm geglaubt. Am Rande einer Veranstaltung fragte Herbert Müller, der Generalsekretär, auch bei Manfred Kanther nach. Der, heißt es, habe alle Zweifel an der Existenz der Vermächtnisse rasch weggewischt. Und doch soll Kochs Gefolge in der Wiesbadener Staatskanzlei immer nervöser geworden sein. Bald habe jede kleine Morgenlage mit einem Affärenbericht begonnen.