In der verschneiten Elmau ist Berlin so fern wie Palermo. Der Kulturstaatsminister mag von der deutschen Kunstnation träumen, der freundliche Höhenbayer hat andere Sorgen. Nach zähem Ringen wurde endlich der "Gestattungsvertrag zur Ziegenbeweidung auf staatsforsteigenen Freiflächen" geschlossen; "Lichtweiden dürfen nicht mehr verbuschen". Die CSU hingegen fürchtet die Lichtweiden des Skandals, die durch die Dampfplauderei ihres Waffenhändlers sichtbar werden. Vorsorglich muss der Vortrag über die "Zehn Gebote" ausfallen. Dafür tritt im Gasthof Schöttlkarspitz der Soiernbergler Vierg'sang auf. Eintritt frei.

Berlin? Ach ja. Trotzdem erkundigte sich der rührige Schlossherr in Elmau nach dem "Erbe der Aufklärung und den geistigen Grundlagen der Berliner Republik". Manche erinnern sich noch an die nationalmetaphysischen Wanderungen, die siegesgewisse Geister nach dem Fall der Mauer im vereinigten Land unternommen und an die Blütenträume, die sie hatten reifen lassen: den Traum vom Ende der machtvergessenen Bonner Konsensgesellschaft und ihrer "sozialstaatlichen Wohlstandsdiktatur". Und bald erschien die "Berliner Republik" als lichter Mythos, vor dem die Deutschen wieder unverkrampft Aufstellung nehmen durften.

Axel Honneth, Sozialphilosoph aus Frankfurt, sieht etliche Wetterzeichen für einen geistigen Klimawechsel nach 1989. Schwer zu übersehen sei die Tendenz, den internen Zusammenhang von Demokratie und Gerechtigkeit zu verdrängen, die Kritik von Ungleichheit als "hypermoralisch" zu denunzieren oder soziale Gewalt wahlweise dem "Bösen" oder der Menschennatur zuzuschreiben. Dieses Muster passe ebenso zur Tabuisierung von Kapitalismuskritik wie zum Versuch, den schmerzhaften Prozess der Erinnerung stillzustellen und ihn, wie Walser, zu privatisieren - als gäbe es einen "moralfreien Rückgriff auf Vergangenheit".

Eine neue mythische Bewusstseinslage befürchtet der Tübinger Philosoph Manfred Frank. Er macht dafür, nicht zum ersten Mal, eine unheilige Allianz aus postmodernem Denken und altdeutscher Vernunftkritik verantwortlich. Im Umweg über die französische Philosophie ("damit niemand merkt, aus welch trüben Quellen er schöpft"), scheinbar entgiftet, habe der Irrationalismus "durch die Hintertür" wieder die Bühne betreten. Frank fürchtet den "Flirt" zwischen Vernunftkritik und Demokratieverachtung, um "antiuniversalistische Affekte zu schüren" und den "Minimalkonsens der Republik zu schwächen". Die staatsideologisch verordnete Aufklärung der DDR habe zusätzlich antiliberale Fantasien freigesetzt. "Deskriptiv wahr ist, dass nach 1989 Ausländer in Deutschland weniger Freiheitsrechte genießen als vorher."

Auch der Zürcher Philosoph Hermann Lübbe konnte, wenngleich aus anderen Gründen, der Erlösungsformel von der Berliner Republik nichts Rechtes abgewinnen. Er gab Entwarnung, weil durch das Primat der Rechtsbindung von Politik die Geschäftsgrundlagen der Berliner mit denen der Bonner Republik verschränkt seien. Auch müsse man sich in einem Augenblick, wo Staaten "selbstanklagefähig" werden, über die Zukunft der Erinnerung keine Sorgen machen.

Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert weigerte sich, in Abschiedsgesänge einzustimmen, und warf jenen, die im Namen des "Neuen" die Vergangenheit vergangen sein lassen wollen, Selbstbetrug vor. Der "kollektive Lernprozess der Bundesrepublik" sei noch lange nicht abgeschlossen. Es habe einer ungeahnten Anstrengung und auch historischer Distanz bedurft, um den "Berg von Geschichte und Verbrechen in seiner Dimension überhaupt erst wahrzunehmen". Die "Selbstanalyse war bitter, anstrengend und ehrenhaft". Auschwitz bleibe der "Gesamtbezugspunkt", die "Klammer" der Politik, auch wenn einige konservative Geister den demokratischen Konsens gegen eine vermeintlich unbelastete Tiefenidentität auswechseln möchten. Mit diesen gezielten Tabubrüchen müsse man leben, und so "wird die demokratische Tradition in Deutschland noch lange etwas unsicherer bleiben als woanders". Den Einwand, es handele sich ja um konstruierte Erinnerungen, ließ Herbert nicht gelten. Erst heute komme ans Licht, wie weit "Massenmörder" in die Bundesrepublik integriert waren, bis in höchste Regierungskreise. "Es war viel schlimmer, als ich gedacht habe."

Man kann, wie Ulrich Herbert, beruhigt sein und sagen, der geistige Konsens der Berliner Republik sei "prekär, aber stabil". Das wird so sein, und beide, der Alarmist und seine Beschwichtiger, wären dann zwei Seiten des einen Identitätsmusters. Doch die Demokratiekrise, die die CDU über das Gemeinwesen verhängt hat, verändert die Frage nach dem "Geist" der Republik fundamental. Keineswegs handelt es sich um die letzte Krise der alten Epoche, sondern um die erste der neuen, gleichsam um eine Skandalbrücke zwischen Bonner Vergangenheit und Berliner Zukunft. Nun müssen sich die Optimisten der Zivilgesellschaft ebenso unbequeme Fragen gefallen lassen wie jene Parvenüs der Generation Berlin, die glauben, die Zukunft, in der sie "angekommen" sind, sei deshalb so gemütlich, weil ihre machiavellistischen Anwandlungen von linker Machtkritik verschont werden.