Während zum Jahreswechsel die Feuerwerke in den Himmel stiegen, verkündeten die Nachrichtensprecher, wie sanft die Welt ins Jahr 00 geglitten sei. Kein Millennium Bug, kein Computerchaos. Nichts los, nichts passiert. Hier ein Kernkraftwerk in Japan, dessen Messinstrumente ausfielen, da ein trudelnder Satellit der USA, ein kleiner Stromausfall in Afrika, das auch noch. Die Liste der Problemfälle war klein und kaum größer als an einem gewöhnlichen Tag. Kein explodierendes Atomkraftwerk, keine Wasserknappheit, kein Armageddon. Den wirklichen Millennium-Crash erlebte nur der Südwesten Frankreichs - und dort waren Stürme daran schuld und kein Softwarefehler.

Seitdem kursieren höhnische Kommentare, wir ängstlichen Menschlein seien durch jeden Unsinn zu beunruhigen und wir alle auf einen Riesenschwindel hereingefallen, mit dem sich die Computerindustrie fette Extragewinne gesichert habe. Aber warum bekam ich dann gestern im Reisebüro meine Tickets zusammen mit einer Rechnung aus dem Jahre 1994? Die Zahl per Hand durchgestrichen und verbessert zum hübschen 2000? Ja, das Rechnungsdatum sei seit dem großen Rutsch unverrückbar festgefroren, weil das Backoffice-System sich weigere, die sechs Jahre aufzuholen, sagt mir die Dame am Tresen. Immerhin schreibe das System korrekte Kunden- und Reservierungsnummern, was wolle man mehr. Irgendwann kämen neue Computer, die richtig zählten. Könnte es sein, dass der Millennium-Fehler doch noch da war, nur etwas später als angenommen? Und nicht ganz so pompös und apokalyptisch wie befürchtet? Dafür aber umso lästiger, zäher, folgenschwerer?

Fälle wie diese kann man tausendfach aufzählen, und jeder für sich ist ein winziger Beweis für die Existenz des abgeschriebenen Fehlers. Und für dessen fiese, kleine, hartnäckige Lebendigkeit. Für die Techniker, die in großen Firmen über den korrekten Jahreswechsel wachen mussten, sind diese Probleme unbedeutend. Sie sprechen von Kollateralschäden - ganz wie die Militärs, die den Begriff gerne verwenden; er beschreibt bedauerliche, aber letztlich unbedeutende Nebenprobleme. Die große Lage hatten die Techniker im Griff, die kleine interessiert sie nicht. Und im Grunde eigentlich niemanden mehr. Wo der Fehler jetzt auftritt, arrangieren sich die Menschen, weil alles "vorbei" ist, weil es Geschichte ist, das Y2K, wie das Year Two Thousand (= K) gerne genannt wurde, damals im 20. Jahrhundert.

Rational veranlagte Naturen mögen einwenden, dass die 600 Milliarden Dollar, die nach Hochrechnungen der Gartner Group allein in den USA in die Behebung der Y2K-Fehler gesteckt wurden, doch Wirkung gezeigt haben - wenn sie auch den Großen vorbehalten blieben. Die Anhänger der These, bei der Aufregung um den Y2K-Fehler handle es sich um eine geschickt gesteuerte Massenhysterie, verweisen hingegen auf Länder wie Italien. Dort seien keine größeren Störungen zu vermelden gewesen als in anderen Ländern, obwohl vergleichsweise geringe Summen für die Wartung der Systeme investiert worden seien. Nur die Programmierer des Vatikans sollen das Jahrtausendproblem ernst genommen haben.

Der Computerspezialist Peter de Jager war einer der Ersten, der auf die Gefahr des Datumswechsels hinwies. Er prophezeite 1993 den Zusammenbruch der Datentechnik und schätzte die notwendigen Rettungskosten auf 50 bis 75 Milliarden Dollar - weltweit. Heute zeigt sich de Jager zwar erfreut darüber, dass es im Großen so glimpflich abgelaufen ist. Im Kleinen jedoch sieht er die damals diagnostizierten Übel keineswegs beseitigt: "Wir haben nichts dazugelernt. Computerprogramme werden nach wie vor nicht ordentlich dokumentiert. Viele Firmen haben Windowing-Techniken eingesetzt, aber unterlassen es, die datumskritischen Punkte des Windowing exakt zu beschreiben." Das bedeutet: Windowing ist eine Technik, die Software ein vierstelliges Jahresdatum nur suggeriert; tatsächlich treten nach wie vor zweistellige Datumsangaben auf. Peter de Jager weiter: "Programmierer, die in zehn, zwanzig Jahren vor diesem Gemurkse stehen, werden genauso im Programmcode herumstochern, wie das die angeblichen Retter jetzt getan haben."

Einen positiven Effekt der Aufregung sieht aber selbst de Jager: Der Millennium Bug habe dem letzten Hinterwäldler klar gemacht, wie empfindlich das Computerökosystem unseres Planeten sei. Wer in diesem Ökosystem arbeite, müsse gut ausgebildet sein und einen geprüften Abschluss vorweisen können. "Jeder Busfahrer und Lokführer muss seine Prüfungen ablegen, nur bei den Datenbeständen im Gigabyte-Bereich lassen wir jeden zu, der vorgibt, Ahnung zu haben." Am Ende der wahrlich langen Debatte über die Zertifizierung datumsfester Computersysteme steht der zertifizierte Mensch.

Noch hat der Millennium-Fehler reichlich Gelegenheit, sich zu zeigen. Der 29. Februar 2000 ist so ein Tag, an dem Computersysteme stocken könnten, weil mehrere Ausnahmen zusammenfallen. 2038 ist das nächste Jahr, in dem Computersysteme einen kritischen Datumswechsel verkraften müssen, weil es manche Rechner gibt, die nach diesem Jahr bei null zu zählen beginnen.