Was ist ein Fußballspiel? Was sind das für Leute? Auf welchen Regeln baut sich das Fußballspiel auf?" Sollte das nicht klar sein in Deutschland? Sind wir doch dreimal Weltmeister geworden! War es aber nicht. Jedenfalls nicht bis zu jenem Sonntag, dem 28. Januar 1900, um 10.40 Uhr. Da eröffnet Johannes Kirmse, der Vorsitzende des Verbandes Leipziger Ballspielvereine, die Sitzung und damit den "1. Allgemeinen Fußballtag". Mit genau diesen drei Fragen. Sieben Stunden später beginnt in der Leipziger Gaststätte Mariengarten ein Festkommers. Hoch die Tassen, auch wenn endgültige Antworten noch nicht gefunden sind. Aber der Deutsche Fußball-Bund ist gegründet. Anpfiff für eine sehr deutsche Erfolgsgeschichte.

Um die Jahrhundertwende weiß in Deutschland kaum jemand, was Fußball eigentlich ist. Eine zweifelhafte Importware aus England, von britischen Geschäftsleuten und Studenten auf den Kontinent gebracht. Nationalistische Tiraden gegen die "Fußlümmelei" sind normal. Noch 1898, mehr als zwanzig Jahre nach der Gründung des ersten Schüler-Fußballvereins in Braunschweig, veröffentlicht der Stuttgarter Gymnasialprofessor Karl Planck ein Pamphlet "Über Stauchballspiel und englische Krankheit". Das Gebolze sei ein "englischer Aftersport", ja geradezu menschenunwürdig: "Das Einsinken des Standbeins in's Knie, die Wölbung des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den Menschen zum Affen." Deutsch ist Turnen: gesunde, kontrollier- und exerzierbare Körperertüchtigung für jedermann, nicht dieser wilde, unvorhersehbare Kampf um den Ball, bei dem nicht mal die Waden bedeckt werden und ständig Knochen zu Bruch gehen.

Egal, in welchem Gewande - lange Jahre stehen die Fußballer permanent abseits. Schüler, die mit einem Ball erwischt werden, müssen in den Karzer oder werden "als hoffnungslose Müßiggänger aus dem Gymnasium gestoßen". Wenn sie denn überhaupt an Bälle kommen. Manche Sportvereine verbieten kategorisch den Erwerb. Zudem muss das Spielgerät lange Zeit aus England importiert werden und ist entsprechend teuer; Kugeln aus Lumpen sind ein schlapper Ersatz. Auch Fußballplätze gibt es nicht, eine Kuhwiese, eine Müllhalde, ein baumloser Anger müssen reichen, und oft genug gibt es nicht mal die: in Halle an der Saale wächst mitten auf dem Spielfeld, durch ein Gitter geschützt, eine Friedenseiche. Am kooperativsten zeigt sich ausgerechnet das Militär, dem das ungeordnete, fremdländische Treiben doch eigentlich suspekt sein müsste. Dennoch lässt sich mancher Kommandant ähnlich wie der Freiburger Garnisonsälteste breitschlagen: Der gibt 1898 seinen Exerzierplatz frei, nachdem ihn die Kicker davon überzeugt haben, dass der Ball nicht einen Meter Durchmesser, sondern nur Kopfgröße hat.

Und dann die Regeln! Sie sind um diese Zeit etwa so übersichtlich wie die Steuerparagrafen heutzutage. Im Grunde sagt sich jeder Verein: das Gesetz bin ich, und macht sich seine Religion selbst. Die einen halten sich an den englischen association football , die anderen interpretieren diese Vorlage so, wie es ihrer Situation am besten zupass kommt. Platz- und Mannschaftsgröße, Spieldauer, Strafstoß, Tor - alles Verhandlungssache. Weshalb vor bedeutenderen Spielen komplizierte Verträge aufgesetzt werden. Was langwierige Diskussionen während des Spiels allerdings nicht ausschließt.

Aus "goal" muss Tor, aus dem "captain" der Spielführer werden

Verstrickt in ein Regelchaos, von anderen Sportlern und Offiziellen verachtet - so fühlen sich die Vertreter von 86 Vereinen, als sie in Leipzig den Fragen von Herrn Kirmse lauschen. Selbst ihre kühnsten Träume sind bescheiden, wie sich der spätere Berliner Stadtkämmerer Ernst Karding erinnert: "Allgemein anerkannte Spielregeln, größeres Entgegenkommen der Schulleiter, mehr Spielplätze und vielleicht eine Bundes-Unfallversicherung." Mehrmals schon, 1886, 1890, 1893 hatten Kicker der ersten Stunde wie der fürsorgende Fußballlehrer Koch oder der Berliner Georg "Hutti" Demmler versucht, einen Verband für das gesamte Deutsche Reich zu gründen. Auf dass der Fußball eine Lobby bekäme. Aber erst im neuen Jahrhundert ist der Einigungswille stärker als aller Lokalpatriotismus, und so schlägt denn endlich Herrn Kirmses historische Stunde.

Und die Stunde der Geschäftsordnungsdebatten. Weil ihr Sport in jeder Hinsicht auf unsicheren Füßen steht, sind die durchweg jungen Funktionäre (die bis auf wenige Ausnahmen auch alle aktive Fußballer sind) von einer umso größeren formalen Pingeligkeit beseelt. Viele Abgesandte hatten von ihren Vereinen gar keine Vollmacht mitbekommen, einem Dachverband beizutreten. Ein Streit über die Rolle der "nicht-reichsdeutschen Vereine" entbrennt: Die Berliner, nicht zuletzt dank der vielen Exerzierplätze in der Hauptstadt führend im frühen Fußball-Deutschland, wollen sie nicht dabeihaben, wohl weil sie den Einfluss insbesondere der beiden spielstarken Prager Klubs fürchten. Wenigstens in diesem Punkt ist man sich schnell einig: Mit 69 zu 16 Stimmen wird der Berliner Antrag abgelehnt.