Microsoft-Gründer Bill Gates wird oft mit John D. Rockefeller verglichen, dem legendären Herrscher über das amerikanische Ölimperium Standard Oil. Nun aber drängt sich eine weitere Parallele auf: Der Werdegang von John D. Archbold und Steve Ballmer, den Vizechefs der beiden Unternehmen, ähnelt sich geradezu verblüffend. Beide standen ihren Vorgesetzten sehr nahe, der eine als Ziehsohn und Hofnarr, der andere als Kommilitone und Pokerpartner. Und beide rückten an die Spitze der Unternehmen, als diese ins Visier der Kartellwächter geraten waren.

Archbold war genau die falsche Wahl als Rockefeller-Nachfolger. Er erhöhte die Ölpreise, um mit dem Geld die Konkurrenz im Ausland zurückzuschlagen - und brachte dadurch die amerikanische Öffentlichkeit gegen Standard Oil auf. Nicht zuletzt deswegen wurde das Ölmonopol Anfang des 20. Jahrhunderts in drei Dutzend kleinere Unternehmen zerschlagen.

Der neue Microsoft-Chef wird es nicht leicht haben. Sein Unternehmen droht das seit zwei Jahren laufende Kartellverfahren zu verlieren. Viele Experten erwarten, dass die Firma zumindest in der ersten Instanz dazu verurteilt wird, sich aufzuspalten. Schlimmer noch: Tiefgreifende Umwälzungen in der Computerindustrie gefährden Microsofts Dominanz, dessen Betriebssystem Windows heute über 90 Prozent aller Personalcomputer steuert.

An sich ist es keine Überraschung, dass Ballmer Gates ablöst, der Microsoft seit seiner Gründung 1975 geleitet hat. Schon Mitte 1998 war Ballmer zum Präsidenten aufgerückt, weil sich Gates nicht mehr im täglichen Klein-Klein aufreiben wollte. Und Ballmer hat bereits Spuren hinterlassen: Im April baute er den Konzern um. Kunden, nicht Produkte, sollen fortan im Zentrum stehen. Und viele von Gates eingesetzte Manager stiegen aus, zuletzt Finanzchef Gref Maffei.

Aber es ist dennoch erstaunlich, dass Steve Ballmer überhaupt so weit gekommen ist. Der 43-jährige Manager schien nämlich nicht gerade prädestiniert für den Posten an der Spitze des teuersten Unternehmens der Welt, das an der Börse mittlerweile die gigantische Summe von fast 600 Milliarden Dollar wert ist. Wenn der Manager in Rage gerät, dann ist es Zeit, die Ohrenstöpsel auszupacken. Wegen seiner Schreierei musste er sogar schon am Kehlkopf operiert werden.

Die verbalen Ausbrüche haben auch dem Ruf von Microsoft geschadet. Kurz nachdem das Justizministerium im Herbst 1997 das Kartellverfahren gestartet hatte, tönte er lautstark vor Reportern: "(Die Justizministerin) Janet Reno kann mich mal." Und wenige Wochen danach brüllte er auf einer Computermesse: "Was der Verbraucher braucht, ist mehr, mehr, mehr Windows."

Ballmer bedauert heute diese Äußerungen und will fortan keine solchen "Dummheiten" mehr von sich geben. In den vergangenen Monaten hat er sich denn auch merklich zurückgehalten. Aber wenn dieser große, glatzköpfige Mann anfängt, wild zu gestikulieren, um etwa sein Unternehmen zu verteidigen - dann regen sich bei Beobachtern Zweifel, ob er seine Natur wirklich auf Dauer in den Griff bekommen kann.