Mit Computerprogrammen ist es wie mit Menschen: Sie reifen - und sie altern. Manche Software wird bis zu 30 Jahre lang genutzt und im Lauf ihres Lebens ständig modifiziert. Die Entwickler korrigieren anfängliche Fehler oder reagieren auf wandelnde Geschäftsbedingungen. Das ist allemal einfacher, als neue Programme zu schreiben und zum Laufen zu bringen. Nur ein Fünftel ihrer Arbeitszeit stecken Programmierer heute in die Entwicklung neuer Software, vier Fünftel dagegen verschlingt die Wartung alter Programmpakete. Doch mit jeder Änderung wird die Struktur unübersichtlicher. Und irgendwann wird das Programm zum Sicherheitsrisiko: Es bleibt zwar weiter in Gebrauch, doch niemand darf mehr daran rühren - denn jeder weitere Eingriff hat unvorhersehbare Folgen.

Für Herbert Weber ist das ein unhaltbarer Zustand. "Was wir brauchen, ist evolutionsfähige Software", fordert der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik (ISST) in Berlin. Bis heute denke kaum ein Programmierer an die lange Lebenszeit seiner Produkte, kritisiert Weber. Die Programme seien durchweg schlecht dokumentiert und ließen sich nur schwer an neue Bedingungen anpassen. Allein die Jahr-2000-Umstellung kostete weltweit mehr als eine halbe Billion Mark. Auch die Einführung des Euro schlägt mit Milliarden zu Buche. Das soll mit "änderungsfreundlicher" Software anders werden.

Denn jetzt, so meint der Berliner Informatiker, sei es so günstig wie nie zuvor, alte Software evolutionsfähig zu machen. Viele Fachleute haben die Fehler ihrer Produkte kennen gelernt und Erfahrung im Weiterentwickeln gesammelt, als sie ihre Programme für das Jahr 2000 rüsteten. In die Lösung des Y2K-Problems steckten die Firmen Millionen - doch die Gelegenheit, ihre Software bei dieser Gelegenheit auch zu flexibilisieren, nutzten sie nicht. Kommt es etwa zu Gesetzesänderungen, müssen die Programme wieder mühevoll umgestrickt werden.

Software entwickeln gleicht einem Glücksspiel: Ein Drittel der Vorhaben scheitert. Von den restlichen werden über 80 Prozent teurer und dauern länger als vorgesehen. Dieter Rombach, Chef des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern, fordert daher ein Umdenken der Branche. Ingenieursprinzipien seien gefragt. "Wenn man ein kleines Gartenhäuschen bauen will, reicht ein Maurer aus", zieht Rombach einen Vergleich. Werde das Gebäude größer und komplexer, brauche es dagegen Poliere, Ingenieure und Architekten. Niemand komme auf die Idee, ein Hochhaus allein mit tausend Maurern zu errichten.

Genau das aber geschehe in der Softwarebranche. Dort schreiben unzählige Informatiker gleichzeitig an Programmen mit Millionen Zeilen und schaffen so die "komplexesten Artefakte, die je von Menschen entwickelt wurden", sagt Rombach. Fehler könnten dabei nur mithilfe bewährter Verfahren aus den Ingenieursdisziplinen vermieden werden. "Die Anforderungen müssen exakt erfasst, Prozesse klar definiert und messbare Ziele vorgegeben werden", fordert Rombach. Jeder müsse seine Arbeit genau dokumentieren und auf Fehler abklopfen. "Man kann auch keine Brücke bauen und hinterher prüfen, ob sie trägt."

Brücken und andere Werke der Ingenieurskunst halten Jahrhunderte lang. Bis die Informatik in solchen Zeiträumen denkt, werden wir wohl noch einige Systemabstürze erleben.