Rom

Samstagvormittag im Haus von Clemente Mastella. Aber was heißt hier Haus! Die wenig eindrucksvollen Gebäude, die sich dort drüben am steinigen Hang festklammern, das sind Häuser. Clemente Mastella besitzt eine Villa, ausladend, mit schmiedeeisernem Eingangstor und gepflasterter Auffahrt. Der Abgeordnete zum italienischen Parlament wohnt nicht einfach - er residiert auf dem höchsten Punkt seines Heimatdorfes Ceppaloni im hügeligen Hinterland Neapels.

"Kommen diese Leute zu Ihnen, um Sie um einen Arbeitsplatz zu bitten?" Im Kamin knistert Feuer. Mastella liegt entspannt in seinem Sessel, den Kopf zurückgelegt. "Das kommt nicht mehr so häufig vor. Die Leute wissen, dass es nicht mehr so viele Möglichkeiten gibt. Früher war das anders!" Ein Diener betritt den Raum und bringt Kaffee, Kekse, Süßigkeiten. Im Feuer bricht verkohltes Holz in sich zusammen.

Früher - da war Mastella auch schon wichtig. Wenn man den Dorfbewohnern glauben will, war ihm eine politische Karriere vorherbestimmt. Schulkameraden sagen, man habe ihm angesehen, dass er zum Befehlen geboren sei. Er hatte nur gute Schulnoten, kein Wunder also, dass er ganz jung Bürgermeister der 3000 Einwohner zählenden Gemeinde Ceppaloni wurde.

Früher, das war die große Zeit der Democrazia Cristiana (DC), der der Katholik Mastella in den sechziger Jahren beitrat. Die DC regierte das Land seit 1948 ununterbrochen. Sie schien auf Ewigkeit programmiert so wie der Vatikan und sein Heer aus Priestern, welche die Partei tatkräftig unterstützten. Ein Kreuz auf einem Schild - das war das Emblem der DC. Es symbolisierte den Existenzgrund der Partei: Katholizismus und die Abwehr des kommunistischen Feindes. Der war in Italien so stark wie nirgends sonst in Westeuropa. Mochten die Kommunisten bei Wahlen auch noch so sehr zulegen: an die Hebel der Zentralmacht durfte man sie nicht lassen. Die DC verstand sich nicht nur als normale Regierungspartei, sie war Staatspartei. Wäre sie aus ihren Ämtern gedrängt worden, wäre nach der Diktion des Kalten Krieges der demokratische Staat in den Händen der Kommunisten zugrunde gegangen.

Die Kommunismusabwehr mündete in ihrer besten Zeit in das, was der DC-Historiker Pietro Scoppola "zentristische Politik" nennt. "Die großen Führer der DC wie De Gasperi und Aldo Moro haben mit einer konservativen bis gemäßigten Wählerschaft eine reformistische Politik gemacht." Tatsächlich war die DC im Laufe der sechziger Jahre sogar eine Koalition mit Sozialisten und Sozialdemokraten eingegangen. Höhepunkt der "zentristischen" Politik war der so genannte "historische Kompromiss". Aldo Moro, Parteisekretär der DC, hatte sich 1978 bereit erklärt, mit den Kommunisten eine Zusammenarbeit auf Regierungsebene einzugehen. Das war zu jener Zeit ein unerhörter Vorstoß. Moro konnte seinen Plan nie durchsetzen. Im Mai 1978 entführte ihn ein Kommando der Roten Brigaden. 58 Tage später fand man seine von Kugeln durchsiebte Leiche im Kofferraum eines Renault 4. Der Wagen war genau auf halbem Weg zwischen Piazza Gesù, dem Parteisitz der Christdemokraten, und Botteghe Oscure, jenem der Kommunisten, geparkt. Moro war ein Opfer auf dem Altar des Kalten Krieges. "Aldo Moro", sagt Scoppola, "war der letzte große Mann der DC."

Nach ihm begann der Abstieg. Ein schleichender Niedergang, der sich zunächst in der Veränderung der politischen Kultur zeigte und schließlich mit lautem Knall in einer Katastrophe endete. Meridionalizzazione heißt der Prozess, der Anfang der achtziger Jahre in der DC einsetzte. Männer aus dem eher machiavellistisch orientierten Süden des Landes, dem meridione, besetzten nach und nach alle wichtigen Positionen.