Rodgau

Hierzulande findet die Kollektivschuldthese kaum noch Anhänger. Warum hat sich der hessische Ministerpräsident Roland Koch jetzt dazu entschlossen, ihr den Kampf anzusagen? "Es gibt keine Kollektivschuld", ruft der Mann, wo immer er in diesen Tagen öffentlich auftritt. Dabei will doch niemand die Gemeinschaft der Unionsmitglieder für Helmut Kohls schwarze Kassen oder die hessische Vermächtnislüge zur Rechenschaft ziehen. Doch um die Parteibasis geht es ihm nicht. Entlasten will Roland Koch sich selbst. Kann sich ein Landesvorsitzender hinter der Unschuld seines Landesverbandes verschanzen? Roland Koch kann. Er sei getäuscht worden, erklärt er heute. Die Schuldigen am hessischen Skandal, der die Krise der Bundespartei noch einmal gewaltig verschärft hat, hießen Kanther, Weyrauch, Wittgenstein. Der Vorsitzende Koch und der Rest des christdemokratischen Kollektivs seien unschuldig.

Zwei Tage nach der Enthüllung der hessischen Finanzaffäre spricht Roland Koch auf dem Neujahrsempfang seiner Partei - ohne die Spur eines Selbstzweifels, aggressiv nach allen Seiten und gänzlich überzeugt von seiner Mission für die christdemokratische Sache: "Der, der selbst hintergangen wurde, der keine Verantwortung für die Vergangenheit hat, hat das Recht, ja die Pflicht, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen."

Wenn Roland Koch in diesen Tagen von der "Vergangenheit" redet, hat das plötzlich einen abwertenden Unterton bekommen. Das war nicht immer so. Noch vor Weihnachten hatte Koch die Kohl-Kritiker in der Union wissen lassen, "mit dem Pfund Helmut Kohl" werde die Partei noch lange wuchern. Und aus seinem engsten Umfeld kam der Ratschlag, die "Aufklärer" sollten für eine Weile doch mal "die Schnauze halten". Nein, in der investigativen Rolle hatte man Roland Koch bislang nicht gesehen. Umso atemberaubender ist die Wandlung, die der Hesse vollzogen hat, seit sich das Epizentrum des Bebens in seinen eigenen Landesverband verlagert hat. Jetzt bedroht die Krise unmittelbar seine eigene politische Zukunft. Und das ist ein Alarmsignal, auf das Roland Koch zuverlässig reagiert. Plötzlich steht der hessische Ministerpräsident, zumindest rhetorisch, an der Spitze der Bewegung und nimmt die Verantwortlichen ins Visier. Er fordert "brutalstmögliche Aufklärung" und droht: "Die, die an der gesamten Affäre beteiligt waren, haben keine politische Zukunft mehr, das gilt für alle. Sie dürfen auch nicht mehr für die CDU reden, man glaubt ihnen sowieso kein Wort mehr."

Nur, warum eigentlich sollte man Roland Koch vertrauen, dem zögerlichen Aufklärer der letzten Wochen, dem es jetzt mit den Konsequenzen für andere gar nicht schnell genug gehen kann? Was eigentlich hat er in den vergangenen acht Wochen unternommen, um die dubiose Geschichte der Vermächtnisse aufzudecken? Warum hat er erst in den letzten Tagen seinen Vorgänger Kanther "einbestellt", um von ihm die Wahrheit zu erfahren? Ist es glaubhaft, dass Koch vor zwei Jahren den Vorsitz übernahm, ohne dass ihn sein Vorgänger in die opulenten Vermögensverhältnisse des Landesverbandes einweihte? Und wie konnte Koch die wahlentscheidende Unterschriftenkampagne gegen das Staatsbürgerschaftsrecht ins Werk setzen, ohne sich je zu fragen, wie sie bezahlt wurde? Nein, an klärungsbedürftigen Fragen zur Rolle des hessischen Landeschefs fehlt es wahrlich nicht.

Aber Koch zeigt wenig Lust, sich als Aufklärer in eigener Sache zu profilieren. Auf die Ebene persönlicher Verteidigung mag er sich nicht begeben. "Verantwortung" buchstabiert er derzeit lieber ganz grundsätzlich: Es sind "die Erfahrungen der Geschichte, die Erfolge der Vergangenheit sowie die Klarheit der Prinzipien und Grundsätze", die ihm die Union unersetzlich erscheinen lassen. Die Krise der Partei redet er nicht klein. Eher erschreckt er die Basis mit der Vorstellung, das Angebot der Union könne aus dem politischen Spektrum der Republik verschwinden. Die Beispiele konservativen Niedergangs - Großbritannien, Italien, Holland, Frankreich - rasselt er herunter; aber natürlich ist das nur die Illustration einer Bedrohung, die auf den Retter weist.

"Kampf" lautet der Schlüsselbegriff seiner Neujahrsansprache. Offensiv stürzt er sich in die Auseinandersetzung. Wo dieser Tage in den Führungsetagen der CDU eher Zerknirschung, Frustration und Desorientierung herrschen, erzeugt Koch mit seiner hämmernden Rhetorik eine völlig konträre Atmosphäre, der sich sein Publikum durchaus nicht entziehen will. Warum auch? Die Basis weiß kaum noch, wie ihr geschieht: Alte Gewissheiten und vor allem diejenigen, die sie verkörperten, wie Helmut Kohl und Manfred Kanther, haben die Partei ins Chaos gestürzt. Wer jetzt, wie Koch, energisch genug verspricht, diesen Zustand zu überwinden, darf auf Zustimmung und Wohlwollen rechnen. Koch bündelt den Trotz und den Selbstbehauptungswillen der Partei.