Für Bundeswirtschaftsminister Werner Müller ist der Streit um die Kernenergie "seit Jahren eine energiepolitische Gespenster-Debatte". Eine perfekte Bestätigung seiner These liefert der erneut entfachte Streit um den Schacht Konrad bei Salzgitter. Seit nunmehr einem Vierteljahrhundert prüfen Minister, Wissenschaftler und Bürokraten, ob sich das ehemalige Bergwerk als Endlager für schwach- und mittelaktiv strahlenden Atommüll eignet. Eigentlich wäre Konrad längst genehmigungsreif, doch in kafkaesker Manier drücken sich Politikerund Behörden darum, einen klaren Entscheid für oder gegen das Endlager zu fällen. Die Zeche zahlt der Stromkunde.

In 1000 Meter Tiefe soll das Erzbergwerk eine ewige Lagerstätte bieten für strahlenden Abfall, der keine Wärme entwickelt. Zusammen mit Gorleben, dessen Salzstock "heißen", hochaktiven Abfall aus Kernkraftwerken aufnehmen soll, könnte Konrad die Entsorgung deutschen Atommülls sicherstellen. So war es 23 Jahre lang von der Bundesregierung geplant - bis Gerhard Schröder Kanzler wurde.

So schien die heikle Endlagerfrage politisch perfekt zwischengelagert. Nur hatte man "vergessen", die weiter mahlenden Genehmigungsmühlen für Gorleben und Schacht Konrad zu stoppen. Dafür will keiner die Verantwortung übernehmen, weder die Bundesregierung noch die niedersächsische Landesregierung, noch die Behörden, geschweige denn die Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU). Denn Milliardeninvestitionen für Konrad und Gorleben, hauptsächlich finanziert durch Abgaben der Stromverbraucher, wären abzuschreiben - es drohen saftige Entschädigungen. Also schiebt man sich den Schwarzen Peter gegenseitig zu. Ein Spiel auf Zeit, das ebenfalls Geld kostet.

Die Spielregeln sind schwer durchschaubar. Da wäre zunächst einmal der Planfeststellungsbeschluss, der den Ausbau von Schacht Konrad zum Endlager genehmigt. Er ist schon seit mehr als anderthalb Jahren überfällig. Zuständige Behörde ist das Niedersächsische Umweltministerium, aber dessen Chef Wolfgang Jüttner will sich zur Genehmigung nicht durchringen. Er verlöre seine Glaubwürdigkeit und hätte mit der Wut der Konrad-Gegner zu rechnen, mit denen niedersächsische Städte, Gemeinden, Kreise und sein Ministerium sympathisieren. Inzwischen wird der SPD-Politiker Jüttner vom grünen Umweltminister Trittin unter Druck gesetzt. Beide sind mit ihrem Hinhalte-Latein am Ende. Zu einem abschlägigen Bescheid fehlt beiden aber auch der Mut. Denn ein klares "Aus" für Konrad würde teuer.

Auf dem Spiel stehen 1,5 Milliarden Mark. So viel wurden bisher in das "Atomklo", wie es im Widerstandsjargon heißt, investiert. Das Geld stammt zu 90 Prozent von den EVU. Diese wiederum holen es sich über die "Endlagervorausleistung" von den Stromkunden, quasi als Toilettengebühr vorab. Es ist ein stiller Wunsch mancher Politiker, dass sich die EVU in einem Atomkonsens von Konrad und Gorleben verabschieden. Damit ginge den EVU jedoch der Entsorgungsnachweis verloren, Voraussetzung für den Betrieb von Kernkraftwerken. Zudem sind nun die einzelnen EVU Konkurrenten und damit uneins. Doch selbst wenn sie Konrad und Gorleben aufgeben wollten, müssten sie aus aktienrechtlichen Gründen dafür sorgen, dass ihre Milliardeninvestitionen nicht ohne gerichtsfeste Begründung weiter verzögert oder gar in den Wind geschrieben werden. Was etwa, wenn sich ein Bund der Stromverbraucher mit Anwälten zusammentäte und das Gekungel der Behörden, Politiker und EVU vor den Kadi brächte?

Damit es nicht so weit kommt, machten die kernenergiebetreibenden EVU einen kleinen Schritt voran. Ihr Tochterunternehmen, die Gesellschaft für Nuklear-Service, schrieb im November an das Bundesministerium für Umwelt (BMU), das die Oberaufsicht über Konrad hat. In dem Brief heißt es mit Hinweis auf das Konzept eines Endlagers, es entstehe der Eindruck, dass das BMU "ausschließlich zur Vermeidung von Erstattungsansprüchen" für das Projekt Konrad "eine in Wahrheit gewollte Aufgabe dieses Projektes nicht aussprechen" wolle und stattdessen das Planfeststellungsverfahren verzögere. Man werde die verzögerungsbedingten Kosten "als nicht notwendigen Aufwand in dem beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) anhängigen Widerspruchsverfahren rügen".

Mit dieser "Rüge" geriet Bundesumweltminister Jürgen Trittin unter Druck. Er leitete den Druck weiter. Am 28. Dezember 1999 sandte das Bundesamt, das Trittin untersteht, einen Brief an das Niedersächsische Umweltministerium (NMU), quasi als Millenniumsgruß. Das BfS nimmt Bezug auf die Rüge und rechnet Jüttners Ministerium vor: Für die "Offenhaltung der Schachtanlage Konrad" seien seit der "Unterbrechung des Verfahrens durch das NMU von Juni 1998 bis Dezember 1999" insgesamt 65,2 Millionen Mark Kosten entstanden. "Im Hinblick auf evtl. Rückzahlungsforderungen durch die EVUs" sollte das niedersächsische Ministerium bis Mitte Januar Stellung nehmen "zur Notwendigkeit des Aufwandes seit der Unterbrechung des Planfeststellungsverfahrens durch Sie unter Hinweis auf die Kontaminationsproblematik".