Kein Wort, kein Blick. Wie festgegossen sitzt die Direktorin des Pariser Gymnasiums Hélène Boucher auf ihrem Sessel und studiert beharrlich einen gelben Aktenordner. Über die "Pille danach" will sie nicht reden. "Meine Haltung ist klar", sagt sie schließlich doch. "Ich weiß von nichts. Also habe ich auch keine Meinung."

Das ist gleich doppelt geschwindelt. Die jüngste Ankündigung der Unterrichtsministerin Ségolène Royal, das Verhütungsmittel an allen französischen Mittel- und Oberschulen auch ohne Rezept zu verteilen, hat eine lebhafte öffentliche Debatte ausgelöst. Zudem liegt der Rundbrief an alle Schuldirektoren, der die Einzelheiten der Vergabe klärt, längst auch auf ihrem Tisch. Doch sie möchte lieber schweigen.

10 000 Minderjährige werden jedes Jahr in Frankreich ungewollt schwanger. In 6500 Fällen kommt es zur Abtreibung. Besonders in den banlieues , den Hochhaussiedlungen rund um Paris, hat die Gesundheitsverwaltung in den vergangenen Jahren eine Zunahme von Schwangerschaften bei sehr jungen Mädchen beobachtet. Eine neue Studie hat ergeben, dass die Jugendlichen beim ersten Geschlechtsverkehr in 15 bis 30 Prozent der Fälle keine Verhütungsmittel benutzen. Gerade Mädchen aus arabischen Einwandererkreisen oder aus zerrütteten Familien scheuen sich, beim Verdacht einer Schwangerschaft mit ihren Eltern zu reden. Vor allem für solche Teenager ist die Freigabe der "Pille danach" an Schulen gedacht.

Das Hormonpräparat verhindert die Einnistung eines eventuell befruchteten Eis in die Gebärmutter und muss innerhalb von zwei bis drei Tagen nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Damit unterscheidet sie sich grundsätzlich von der so genannten Abtreibungspille Mifegyne, die bis zu drei Monate nach Beginn einer Schwangerschaft wirksam ist. In Frankreich wird die "Pille danach" unter dem Markennamen Norlévo seit einem halben Jahr in jeder Apotheke rezeptfrei für umgerechnet 17,50 Mark verkauft - bislang jedoch nur an Erwachsene.

Landesweit bekannt wurde das Medikament erst Ende November mit der Ankündigung der Unterrichtsministerin, an den Schulen dürfte Norlévo bald auch an Minderjährige abgegeben werden. An eine wahllose Verteilung der Pille wie Pflaster oder Kopfschmerztablette, wie manche Kritiker befürchten, hatte Ségolène Royal jedoch nicht gedacht. Nur in extremen Notfällen, so das Ministerium, dürften die infirmières scolaires, dieSchulkrankenschwestern, das Medikament ohne Einwilligung von Arzt und Eltern an die Mädchen verabreichen.

Dennoch sperren sich viele Schulen dagegen, die ministerielle Weisung umzusetzen. Zum einen fürchten sie gesundheitliche Folgen für die Mädchen. Bislang ist auch dem Hersteller des Präparats, dem Pharmaunternehmen Besins-Iscoresco, nicht genau bekannt, welche Nebenwirkungen Norlévo bei jungen Mädchen hat. Zum anderen fragen sich Direktoren und Lehrer, ob es überhaupt Aufgabe der Schule sein kann, Minderjährigen bei Pannen in ihrem Sexualleben beizustehen. Traditionell versteht sich die französische Schule in erster Linie als Bildungs- und nicht als Erziehungsinstanz. Und wo diese Mentalität französischer Pädagogen vorherrscht, wird die Gesundheitspolitik des Bildungsminsteriums ins Leere laufen.

Das haben schon die Anti-Aids-Kampagnen seit 1992 gezeigt. Die ministerielle Verordnung, Kondomautomaten aufzustellen, wird von vielen französischen Schulen systematisch unterlaufen. Mal weigert sich der Schulleiter, den Anweisungen der Behörden Folge zu leisten und bestellt keinen Automaten. Mal wird "vergessen", für Nachschub zu sorgen, wenn der Automat leer ist. An einigen Schulen ist der Präservativspender im Eingang angebracht, den der Pförtner stets im Blick hat; anderswo an einer Stelle, zu der jüngere Schüler keinen Zugang haben. Im Lycée Hélène Boucher hat seit einiger Zeit jetzt auch die Schulkrankenschwester Martine Birauld eine Schachtel mit Präservativen auf ihrem Schreibtisch: "Die Schüler bedienen sich", sagt sie. Zudem sei die Schachtel "ein Angebot, über Sexualität und Verhütung zu reden".