Warum lassen sich Menschen einbürgern in ein Land, dessen Sprache Worte wie "Lüsterklemme", "Problemzonengymnastik" und "Ermessensspielraum" hervorgebracht hat? Wahrscheinlich, weil sie den Ermessensspielraum der Behörden über ihr Ausländerleben reduzieren wollen. Mit einem deutschen Pass erspart man sich Gänge zum Ausländeramt, dumme Fragen an der Grenze und das Gefühl, am Wahltag sinnlos herumzustehen. Ein letztes amtliches Ermessen allerdings steht vor diesem erfreulichen Zugewinn an Freiheit und Rechten: die Bewertung der Sprachkenntnisse.

Seit dem 1. Januar 2000 ist das neue Staatsbürgerrecht in Kraft, das die Einbürgerung erleichtern soll. Über die Hälfte der 7,3 Millionen Ausländer in Deutschland erfüllen nun nach Ansicht der Ausländerbeauftragten der Bundesregierung die Kriterien. Was wiederum viele Ausländer anders sehen. Denn erstens muss der "Einbürgerungsbewerber" jetzt 500 statt bisher 100 Mark Bearbeitungsgebühr entrichten. Und zweitens muss er den zuständigen Beamten davon überzeugen, dass er sich "im täglichen Leben ein- schließlich der üblichen Kontakte mit Behörden in seiner deutschen Umgebung" sprachlich zurechtfinden kann: "Die Fähigkeit, sich auf einfache Art mündlich verständigen zu können, reicht nicht aus."

Tatsächlich erscheint es bei genauerer Überlegung weder verwerflich noch besonders germanisch, vom Einzubürgernden gewisse Kenntnisse der Landessprache zu verlangen. Auch das Einwanderungsland par excellence, die USA, macht da keine Ausnahme und prüft per Fragebogen überdies das Wissen des Kandidaten in Geschichte und Landeskunde ab. Dort ist alles einheitlich geregelt - die gleichen Anforderungen gelten von Texas bis New York. Während in Deutschland wieder einmal Klüfte einreißen zwischen Bund und Ländern, Rot-Grün und Schwarz bei der Frage: Wie gut muss der Ausländer Deutsch können, um Deutscher zu werden?

Nach dem warm-up reden sie schon

Der Süden, das weiß man, ist bei der Vergabe von Noten stets streng. Doch zumindest bei der Stadtverwaltung Ulm will man den "Einbürgerungsbewerber" weder mit Lesestunden noch mit Vokabeltests traktieren. "Wir legen keinen großen Wert auf Prüfungssituationen", sagt der Beamte. Soll heißen: Der Ausländer schwätzt schon dann zufriedenstellend Deutsch, wenn er sein Anliegen "sachgerecht vortragen kann".

Schwierig wird es erst, "wenn er auf die Frage 'Wie viele Kinder haben Sie?' antwortet: 'Danke, gut'". Doch selbst dann ist in Ulm noch nicht alles verloren: "Manche brauchen eine Warming-up-Phase", sagt der Beamte, "dann kommen sie schon ins Reden."

Neulich habe er einem hoch nervösen Kandidaten entlockt, dass der in Deutschland seinen Führerschein gemacht hatte. "Na sehen Sie, hab ich gesagt, Sie können sich ja verständigen." Also sind keine schriftlichen Beweise für die Beherrschung von Grammatik und Orthografie erforderlich, wie man sie in Bayern sehen will? Der Beamte: "Wir sind hier in Baden-Württemberg."