Keine schlechte Idee, ein populär gefasstes Buch über Alzheimer zu schreiben: Schätzungsweise eine Million Erkrankter leben in Deutschland, jährlich kommen 50 000 hinzu. Und wenn auch die Betroffenen kaum mehr in der Lage sind, ein Buch zu lesen, ihre verstörten Angehörigen und Freunde können es - deren Zahl ist bald achtstellig. Das reicht für eine Bestsellerkundschaft.

Mit Bestsellern hat Michael Jürgs Erfahrung: Nach seiner ersten journalistischen Karriere, die ihn auf den Chefsessel zunächst beim stern, dann bei Tempo führte, begann er Sachbücher zu schreiben: die Biografie von Romy Schneider, von Axel Springer, die Geschichte der Treuhand - drei Verkaufsschlager en suite. Jürgs hat ein Gespür für große Themen, und er setzt sie konsequent um. Ein gerissener Hund hängt die Medienmeute ab; das verdient Respekt.

Von keiner Fachkenntnis getrübt, recherchierte er neun Monate lang, "bei Erkrankten und ihren Familien, bei Pflegern und in Heimen, bei Ärzten und in Kliniken, in staubigen Archiven und in blitzenden Laboratorien", wie er mit dem ihm eigenen Pathos schreibt, das in schlechteren Momenten an den stern erinnert, in den besseren an Horst Stern.

Im Zentrum seines Interesses steht die Lebensgeschichte des Nervenarztes Alois Alzheimer (1864 bis 1915). Jürgs recherchierte im unterfränkischen Marktbreit, wo Alzheimers Geburtshaus inzwischen einer amerikanischen Pharmafirma gehört, in Aschaffenburg, wo er sein Abitur machte, in Berlin, wo er sein Studium begann, in Würzburg, wo er es beendete, seine "Standfestigkeit im allabendlichen Saufen" beweisend, in Frankfurt am Main, wo er seine erste Stelle als Assistenzarzt antrat, in München, wo er seine große Entdeckung machte bei der histologischen Untersuchung von Hirngewebe einer verstorbenen Patientin, und in Breslau, wo er mit 48 Jahren doch noch einen Lehrstuhl bekam und bald an den Folgen einer verschleppten Mandelentzündung verstarb.

Eindrucksvoll schildert Jürgs, wie durch Industrialisierung und Landflucht die Dörfer mit ihren Deppen überfordert waren und erste Irrenanstalten entstanden; welch traurige Zustände dort herrschten und wie langsam der medizinische Fortschritt Verbesserungen brachte. Alois Alzheimer porträtiert er als einen leidenschaftlichen Arzt und Forscher, der sich tagsüber seinen Patienten zuwendet und nachts unter dem Mikroskop nach den feinstrukturellen Ursachen für schwere geistige Störungen sucht.

Jürgs geht der Frage nach, woher Alzheimers jüdische Frau Cäcilia das viele Geld hatte, das ihm in seiner Münchner Zeit unbezahltes Arbeiten und sorgloses Forschen ermöglichte (aus ihrer ersten Ehe mit einem New Yorker Diamantenhändler), und er verfolgt sogar das Schicksal seiner drei Kinder bis in die Gegenwart. Diese Lebensgeschichten scheinen auf den ersten Blick entbehrlich, zählen im Buch aber zu den Höhepunkten: unfassbar, wie in der Nazizeit den als "halbjüdisch" eingestuften Nachkommen eines herausragenden "deutschen" Wissenschaftlers zugesetzt wurde, der sogar der "Rassenhygienischen Gesellschaft" angehörte und kämpferische Vorträge fürs Vaterland hielt.

Der Spaziergang im Garten hat die Form einer Acht