Die Kehrseite des modernen Deutschlands ist arm. Soziologen berichten, dass in den Großstädten jedes fünfte Kind in der ersten Schulklasse von Sozialhilfe lebt, und sie berichten von 2,5 Millionen privaten Haushalten, die hoffnungslos überschuldet sind. Betroffen sind etwa zehn Millionen Menschen. Die meisten davon haben im Grunde keine Chance mehr, ihren persönlichen Schuldenberg je wieder abzutragen. Seit einem Jahr verspricht allerdings ein modernes Insolvenzrecht Abhilfe: Private Schuldner können jetzt - wie Firmen - in Konkurs gehen. Und sie dürfen darauf hoffen, später einen echten Neuanfang zu starten - wenn alles glatt läuft. Erste Erfahrungen mit diesem Privatkonkurs nach amerikanischem Vorbild machen Mut.

Die Entschuldung läuft prinzipiell wie folgt ab: Zusammen mit einer Schuldnerberatungsstelle werden sämtliche offene Rechnungen und dazu die vorhandenen Finanzmittel ordentlich aufgelistet. Dann wird ein Vergleich mit den Gläubigern angestrebt. Zuletzt kommt der verbindliche Sanierungsplan - mit oder ohne Zwang eines Gerichts. Der säumige Schuldner, sagt Jürgen Kabey, der Leiter der Schuldnerberatungsstelle im Bezirksamt Hamburg-Nord, werde dabei allerdings zum "gläsernen Menschen".

Übrigens ist die Überschuldung längst kein alleiniges Armeleuteproblem mehr. Über ein Jahrzehnt Massenarbeitslosigkeit und alljährliche Pleiterekorde in der Wirtschaft haben ihre Spuren selbst im wohlhabenden Mittelstand hinterlassen. Wenn Bundesbürger ihre Rechnungen nicht bezahlen, liegt dies - in allen Einkommensklassen - zu 77 Prozent am fehlenden Job, ermittelte der Bundesverband Deutscher Inkassounternehmen. Wenn nach dem Konsumrausch dann der Kater drückt oder die Finanzierung des Eigenheimes auf tönernen Füßen steht, ist es oft zu spät. Für den Traum von den eigenen vier Wänden stehen die Bundesbürger bei Banken und Bausparkassen mit rund 1240 Milliarden Mark in der Kreide, dazu kommen unbezahlte Konsumkredite über 430 Milliarden Mark.

Finanzhaie haben die Beratung als lukratives Gewerbe entdeckt

Helfen in der Not wollen auch die Schuldnerberater. Sie suchen zuerst nach unbürokratischen Lösungen, und sind dabei vielfach erfolgreich. Viele Unternehmen und Behörden, heißt es in Beraterkreisen, seien durchaus kulant und akzeptierten Raten oder eine Einmalzahlung der Schuldner - etwa einen Abschlag von 25 Prozent der Rückstände. Die Gläubiger wissen schließlich, dass sonst überhaupt kein Geld fließt; dem Schuldner bietet sich mit einem Mal die Chance für einen Neuanfang.

Als allerletzter Ausweg bleibt dann der Privatkonkurs. Dieser, freut sich Schuldenexperte Kabey, eröffne "neue Perspektiven" und stärke die Verhandlungsposition gegenüber Firmen, Banken oder dem Finanzamt. Damit es aber gar nicht erst so weit kommt, rät Jürgen Kabey, Rechnungen und Mahnschreiben nicht zu ignorieren. "Öffnen Sie ihre Briefe, und reagieren Sie auf die Maßnahmen der Gläubiger", sagt der Schuldenexperte. Wer die Post ungeöffnet in den Müll wirft, versinkt nur noch tiefer im Schuldensumpf.

Häufig existiere jedoch "eine große Schwellenangst" davor, auch Hilfe in Anspruch zu nehmen, bedauert Beraterin Gabriele von Bargen. Dennoch sollte der erste Weg des überschuldeten Verbrauchers in eine Schuldnerberatungsstelle führen. Und selbst die oft monatelange Wartezeiten bis zum ersten Termin sollten nicht abschrecken. Die Palette der Anbieter reicht vom Ortsamt bis zur IG Metall, von der Verbraucherzentrale bis zum Diakonischen Werk.