Schon wieder: alles Kino. Wie eine Szene aus der Truman Show , nur dass die Sonne über Sydney echt ist und nicht bloß ein Filmscheinwerfer wie in Peter Weirs Mediensatire. Mittags um zwölf auf den Bänken am Circular Quay: Yuppies nehmen das Mobile von der Backe, um seelenruhig Fish and Chips oder einen Taco Deluxe zu mümmeln; neben ihnen beißen junge Damen im Businesslook mit eisigem Blick, doch seltsam entrückt, in hauchdünne Sandwiches. Ein paar Meter weiter die Busfahrerin im Baycity Explorer, geistesabwesend bearbeitet sie ihren Lidschatten. Was ist los mit ihr, was fällt der ein? Und welche Trance umgibt die Flaneure am Writer's Walk? Versunken, unberührt von Gewusel und Lärm, stehen die Akteure vor den Zitatentafeln, den in den Bürgersteig gemeißelten Texten von Carey, Conrad, Twain, während über ihnen die Wolken - Traumdarsteller auch sie - über die Spiegelfassade des Axa Australia Building segeln.

Alles an diesem Lunchtime-Idyll wirkt surreal, irgendwie neben der Spur, dann aber plötzlich: harter Schnitt auf den Eingang des Büroturms, heraus stürmen federnd Jogger, die für eine Viertelstunde den Designeranzug gegen Shorts, die Krawatte gegen das Schweißband getauscht haben und nun in Richtung Royal Botanical Gardens hecheln, einmal um die Oper und dann zurück in den 30. Stock. Die Explorer-Pilotin lässt den Motor aufheulen, und auch die flüchtigen Leser der Pflasterliteratur eilen weiter mit geschulterten Sakkos, aufgekrempelten Hemden, wehenden Schlipsen. Der durchschnittlich unsportliche Besucher aus Übersee registriert es neidlos: Diese Stadt der ganz regulär Fast-Food- und Handysüchtigen ist eben auch Sydney, The Physical City. Bewegung! Alles läuft. Auch der Countdown für die Olympischen Spiele vom 15. September bis zum 2. Oktober dieses Jahres. 10 000 Athleten und natürlich noch mehr Journalisten werden teilnehmen, 25 Milliarden Fernsehzuschauer das Spektakel verfolgen, 200 000 Olympiatouristen nach bis zu 25-stündigem Flug erschöpft, aber erwartungsvoll aus den Jumbos staken.

Damit sie alle auch ja nicht enttäuscht werden, gab das Organisationskomitee Socog mal eben vier Millionen für die Wetterprognose aus - selbstverständlich Sonne bei Olympia. Gesamtkosten des Unternehmens bisher: 250 Milliarden Dollar and counting.

Surreal? Sydney, ach was: Australien im Fieber! Der Langstreckenstar Pat Farmer umrundet als Hommage an die Olympiastadt gleich den ganzen Kontinent, das Fernsehen sendet Bilder. Pat rennt, quer durch die Einsamkeit des Outback, vorbei an tropischen Wäldern und schäumenden Küsten. Am 12. Mai wird auch die Olympische Flamme vom griechischen Hera aus die Reise um den halben Globus nach down under antreten; auf einer der letzten Etappen - zum berühmten Opernhaus - soll sie die Hollywood-Aktrice Nicole Kidman tragen. Erwogen wird auch, das Feuer im Stadium Australia mithilfe eines Bumerangs zu entfachen, um so Sydneys unwahrscheinliche Dynamik zu illustrieren.

Die City of Dreams, die in schöner Schizophrenie Naturereignis und urbanes Flair vereint, Gras und Granit, den Charme der Alten Welt und die Großzügigkeit der Neuen. Sydney, Viermillionenmoloch, Freizeitparadies und Wiege der Nation, seit 1788 Arthur Philip, Captain der First Fleet, hier seine menschliche Fracht von 749 Sträflingen entlud, fortan Gefangene des unendlichen Raums und - die allerersten Sydneysider. Nach der Landung trank der Brite Champagner, und bis heute gilt als Alternative im Wesentlichen: Sydney! - oder der Busch.

Nun also auch noch die Spiele. The games seien good für Sydney , sagt in kokettem Kauderwelsch die Exhamburgerin Traudl Troska. Vor zehn Jahren verabschiedete sich die Modedesignerin aus Regen und Missmut ins positiv stimmende Licht von Sydney. Jetzt ist sie Chefin in einem Loft voll ratternder Nähmaschinen, lässig-legere Herrscherin über ein Pastellreich geschmeidiger Stoffe und sanfter Farben. Dass die Multimilliarden-Veranstaltung Olympia auch für ihre Boutiquen ein Extrageschäft verspricht, ist sicher keine übertrieben eitle Hoffnung. Sydney im Zeichen der fünf Ringe, schwärmt Troska, das sei jetzt erst recht die Stadt des ansteckenden Pioniergeists, der nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, Traumheimat für jemanden, der von ausgefallenen Ideen lebt und vom Mut zum Schrägen. Sydney, einfach screaming!

Lustvoll stöhnt die halbe Stadt beim Aussie-Training: great buns, super stomachs, dynamite legs . Schließlich ist das hier eine der führenden Sportnationen der Welt, in der man sich Cricket, Tennis und Schwimmen mit religiöser Hingabe widmet. Wo bei Sydneys superfashionablem City-to-Surf-Race im August Zehntausende vom Zentrum zur Bondi Beach traben - in Schürze, Dinnerjackets, Badehose oder mit Plastiktüten. Jährliche Bilanz der Sanitäter: mehrere tausend behandelte Blasen. Macht nichts. Aussies, das sind doch auch die, die 1999 die Kleinigkeit von 94 Millionen Dollar beim Melbourne Cup verwetteten. Na und? Sport is life, the rest is shadow, titelte aus gegebenem Anlass ein Massenblatt.