Oft bin ich erstaunt, wenn meine Arbeiten mit Traumwirklichkeiten verglichen werden. Denn ein Traum ist zehnmal wilder als jeder Versuch, ihn technisch umzusetzen. Wie soll ein Computer zum Beispiel an folgende Traumfetzen herankommen: Die Welt ist hellblau. Die Zeit läuft auf Kommando schneller oder langsamer. Sport gibt es nicht. Alle sprechen Japanisch.

Sie wollen Erklärungen haben? Es gibt aber keine logischen Zusammenhänge in diesem Traum. Okay, hellblau ist neben weiß und gelb meine Lieblingsfarbe. Wenn die Welt hellblau wäre, würden wir sie alle gleich sehen. So wissen wir nie, wie der andere sieht. Wir sind immer einsam.

Für mich sind Träume die Boten der Intuition. Ich brauche sie als Entscheidungshilfen, bei gewissen Gefühlen zum Beispiel. Außerdem sind sie ein Speicher für Ideen. Ein einziges Mal habe ich versucht, ein surreales Traummotiv in eine Videoarbeit zu übersetzen: Körper ohne Köpfe und Köpfe ohne Körper flogen in der Stadt herum. Ich machte dazu Aufnahmen und bearbeitete sie am Computer, aber als Arbeit gefiel mir mein Traumbild nicht mehr. Es sah zu didaktisch aus. Im Traum erschien mir alles selbstverständlich, weniger peinlich.

Dennoch ist die Affinität zwischen Traum und Kunst sehr groß. Ein Künstler muss Träume formulieren. Künstler haben die Pflicht und den Vorteil, die Gesellschaft distanziert zu betrachten, aber auch wie Sensoren zu sein. Das ist der Job des Künstlers. Mich interessieren Traumwelten und Mischungen von Bewusstseinsebenen. Diese Zwischenbereiche nutze ich, um herauszufiltern, worauf man sich in der Hektik des Alltags nicht einlässt. Es wäre ja auch dumm, diese ganzen Drehbücher einfach in der Luft verpuffen zu lassen!

Nachts, wenn wir träumen, verschieben sich die Grenzen und Realitäten. Einmal träumte ich, Bulgarien wäre zwischen Frankreich und der Schweiz eingepflanzt. Darüber war ich sehr froh. Ein anderes Mal weinte ich im Traum wie ein Hund. Ich tanzte in einer Diskothek, die aussah wie unser Haus. Meine Tränen schimmerten im Licht. Ich sprang herum wie ein Affe, meine Fußsohlen glitten über den tränennassen Boden, wodurch mein Tanz noch schneller wurde. Um mich auszuruhen, legte ich mich auf den Rücken. Aus allen Richtungen kamen Menschen und streichelten meinen vom salzigen Wasser brennenden Körper tröstend mit ihren kühlen Händen. Als ich genug geweint hatte, fühlte ich mich bereit für eine neue Identität. "Ich glaube, ich werde wie ihr", dachte ich, dann wachte ich auf.

Es gibt auch unscharfe Ränder zwischen Traum und Realität. Im Leben haben wir zum Beispiel Erinnerungen, die wie Träume in unser Bewusstsein hineinfließen. Aber im Wachzustand behalten wir dank des Sympathikus Kontrolle über die Lage, die Haare stellen sich auf, die Pupillen gleichen sich dem Licht an. Im Schlaf senkt sich der Sympathikus, und der Parasympathikus kommt hoch, jener Teil unseres vegetativen Nervensystems, der für Verdauung und Unterbewusstsein zuständig ist.

Meinen schlimmsten Traum hatte ich vor zehn Jahren. Es herrschte Weltuntergang. Allen war klar, dass das Leben aufhört. Ich befand mich auf einer Steppe mit einem riesigen Feld von gelben, orangefarbenen und roten Zelten. Innen saßen all die Leute, die ich verletzt oder vernachlässigt hatte. Am wenigsten Schuld hatte ich am Zustand der Menschen in den gelben Zelten. Ich musste von einem zum anderen gehen und mich entschuldigen. "Es tut mir leid, dass ich dich nicht besucht habe" oder: "Ich hätte dir helfen sollen". Es ging um Unterlassungssünden. Die Bilder waren sehr biblisch.