Heute bin ich wie jeden Morgen mit NDR 4, dem Inforadio, aufgewacht: Beim Zähneputzen die Pressestimmen zum Rücktritt Kohls als CDU-Ehrenvorsitzendem gehört, beim Kaffee von der anhaltenden Krise am Bau, und als die Wohnungstür schließlich ins Schloss fällt, auf dem Weg ins Büro, gerade noch von den leichten Verlusten an der Tokioter Börse erfahren. Rund um die Uhr kann ich mich in dieses Rauschen einklinken. Es trägt mir alles ins Zimmer, was die Welt in den letzten Stunden oder auch nur Minuten bewegt hat. Den Stoff bekommt jeder News-Junky - via Radio, Fernseher oder Internet. Zeit, endlich mal jenem Mann zu danken, der mich von diesem Trip hin und wieder runterholt, dem Zeitungsverkäufer. Ausgerechnet.

Am Abend kommt er in die Kneipe, die Zeitungen noch makellos glatt, gefaltet und gestapelt auf dem Arm. Ich kann die druckfrischen Schlagzeilen fast riechen. Aber es geht nicht um die Schlagzeilen. Das sind zwar immerhin nicht dieselben, wie die, die ich am Morgen in meinem Briefkasten gefunden habe, aber diese hier sind auch meist schon ein paar Stunden alt. Da lag noch der Weg von der Redaktion in die Druckerei und von der Druckerei in die Kneipe dazwischen. Es hat vielmehr etwas mit dem Sitzen in dieser Kneipe zu tun.

Ob die Zeitungsredaktionen das wissen? In ihrem Bestreben, mit dem immer reißender werdenden Informationsfluss mithalten zu können, nutzen sie den Zeitungsverkäufer. Ein Anachronismus, vordergründig im Dienste der Aktualität. Schon vor hundert Jahren trug er die letzten Meldungen des Tages aus. Zu einer Zeit, als die Abendzeitung noch eine Abendzeitung war und sich darin von der Morgenpost unterschied. Doch was wir dem Austräger heute Abend so dankbar abnehmen ist der Stoff zum Plaudern. Vielleicht beachten das die Redaktionen künftig, wenn sie neue Konzepte für die Abendmeldungen ausarbeiten. Zum Beipiel indem sie ihre Zeitung so bedrucken, dass man das Horoskop von beiden Seiten eines Tisches aus bequem lesen kann?