Offiziell ist die Vereinbarung über die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter unter Dach und Fach, Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Bill Clinton haben sie vor Weihnachten abgesegnet. Doch wer glaubt, jetzt arbeiteten alle Interessenten an der raschen Entschädigung der Opfer, der irrt gewaltig. "Im Moment sind alle unzufrieden", heißt es im Bundeskanzleramt, "dabei sollte das Ganze doch friedensstiftend sein."

Vor allem die Anwälte der Opfer sind auf Konfliktkurs. Sie seien bei der Abfassung des Gesetzestextes durch das Bundesfinanzministerium nicht konsultiert worden, Berlin halte sich nicht an die Abmachungen. Deidre Berger moniert: "Da tauchen plötzlich Sachen auf, die nicht abgesprochen waren." Der US-Anwalt Edward Fagan und sein deutscher Kompagnon Michael Witti drohen, das Abkommen zum Scheitern zu bringen. Zusammen mit zwölf amerikanischen Kollegen protestierte Witti: "Deutschland bricht die getroffenen Vereinbarungen zulasten der Holocaust-Opfer."

Acht Milliarden Mark stehen für die Entschädigung von Zwangsarbeitern zur Verfügung, davon gehen Verwaltungs- und Anwaltskosten ab. Für KZ-Insassen, die Zwangsarbeit verrichten mussten (schätzungsweise 150 000 Personen, davon 140 000 Juden), ist ein Höchstbetrag von 15 000 Mark pro Person vorgesehen. Andere Zwangsarbeiter (vor allem 450 000 Deportierte aus Osteuropa) können mit maximal 5000 Mark rechnen.

Mit einer Milliarde Mark soll innerhalb der Stiftung ein Fonds "Erinnerung und Zukunft" dotiert werden. Er finanziert aus seinen Erträgen Jugendaustausch, Forschungsvorhaben und Projekte der Völkerverständigung sowie der Erinnerung an die Naziherrschaft.

Eine Milliarde ist für den Ausgleich von Vermögensverlusten eingeplant, die "im Zuge rassischer Verfolgung" eingetreten sind und bisher im Rahmen der Wiedergutmachung unberücksichtigt blieben. Geplanter Höchstsatz: 15 000 Mark.

Würde dieses Schema Gesetz, dann gingen viele Opfer leer aus. Lothar Evers, Geschäftsführer des Bundesverbandes Information und Beratung für NS-Verfolgte, hält das für eine schreiende Ungerechtigkeit: "Der vorliegende Entwurf schließt die Mehrheit der überlebenden NS-Zwangsarbeiter von Leistungen aus."

In der Tat ist keine Entschädigung für die bis zu 600 000 Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft vorgesehen. Die Opfer müssen zudem penibel nachweisen, dass sie zumindest in einem bewachten Lager untergebracht waren. Wer den Beweis nicht führen kann, bleibt ebenso ohne Entschädigung wie Personen, die etwa im besetzten Polen zur Arbeit für ein deutsches Rüstungsunternehmen gezwungen wurden. Denn das Gesetz soll ausschließlich für Zwangsarbeit im Deutschen Reich der Grenzen von 1937 gelten. Evers: "Das ist schon frech."