Mit staunendem Entsetzen verfolgen Österreichs Christdemokraten das Königsdrama in der CDU. Die Nachricht vom Sturz des deutschen Denkmals Helmut Kohl aus den Höhen des Ehrenvorsitzes erschreckte die ÖVP-Führung am Dienstagabend - gerade diskutierte sie das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen mit der SPÖ - ganz besonders. Schließlich verdanken sie die ihnen in der Wahl im Oktober gerade noch verbliebene Reststärke vor allem einem furiosen Wahlkampffinish ihres eigenen Vorsitzenden Wolfgang Schüssel mit einem viel gerühmten Höhepunkt auf dem Wiener Stephansplatz: einer Massenkundgebung mit Kohl. Der macht so was immer gern - er hatte ja auch für Kurt Waldheim ein gutes Wort eingelegt -, und warum auch nicht? Denn schließlich fühlte Kohl sich seit Jahr und Tag auch als Pate der ÖVP. Deren Geschicke hat er in Audienzen für die jeweiligen Vorsitzenden am Wolfgangsee gelegentlich ein bisschen mitbestimmt.

Trotz Schüssels Wahlkampffinale, Kohl inklusive, wurde die FPÖ des modisch-populistischen Demokratenschrecks Jörg Haider zwar doch noch zweitstärkste Kraft, aber mit 415 Stimmen nur so knapp, dass von dem angekündigten Debakel der ÖVP nicht mehr die Rede war.

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Im Fall sofortiger Neuwahlen käme Haider heute auf Platz eins, die ÖVP würde vermutlich abstürzen. Da stellte Schüssel seine Abneigung gegen Kanzler Klima doch zurück, verhandelte ernsthaft, quälte die Sozis, so gut es ging, und bekannte sich schließlich zum Ergebnis. Alles zu spät? Parteifreunde drängten ihn in der Schlussphase öffentlich zum Pakt mit Haider. Hauptsache weg von den Sozis.

Ein großer Wurf konnte daraus nicht werden. 107 Tage bis zu einer brüchigen Einigung: So hält man einen wie Haider nicht lange in Schach. Spätestens beim nächsten Mal, womöglich schon übers Jahr, schlägt dessen Stunde. Als Haider-Verhinderungsbündnis ist die rot-schwarze Koalition bereits jetzt gescheitert.