Fast hätten es die deutschen Automänner verschlafen. Während die Spitzen der Branche vergangene Woche auf der Motor-Show in Detroit ihre Exporterfolge feierten und ihre Unterstützer aus der Politik sich am Spenden-Desaster der Opposition weideten, braute sich im benachbarten Frankreich Unheil zusammen.

Aufgeschreckt durch zwei Orkane mit verheerender Wirkung, hatte die rot-grüne Regierung unter Lionel Jospin den Klimaschutz entdeckt: Ein Aktionsprogramm soll der Erderwärmung durch den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) nun Einhalt gebieten. Seinem eigenen Volk will Jospin eine Ökosteuer bescheren - und allen europäischen Autofahrern will er das Rasen abgewöhnen.

In Zukunft soll bei Tempo 140 Schluss sein.

Wem das am meisten weh täte, ist klar. Deutschland ist weltweit die einzige Industrienation ohne generelles Tempolimit. Und in keinem anderen Land werden so viele PS-starke Prestigeautos hergestellt. Entsprechend harsch fielen die Reaktionen aus, nachdem die hiesige Asphaltlobby Kenntnis von den französischen Plänen erlangte. Sie nützten nicht dem Klimaschutz, sondern verschlechterten das Klima in der europäischen Automobilindustrie "völlig unnötig", erklärt Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), gegenüber der ZEIT. "Wir haben High-Tech-Fahrzeuge gebaut, weil wir sie unter anderem auf maximale Geschwindigkeit ausgelegt haben", sagt Mercedes-Mann Wolfgang Inhester. Würden die Fahrzeuge auf 140 ausgelegt, fehle ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil. Dann ließen sich auch keine "Premium-Preise" mehr verlangen, ergänzt sein Porsche-Kollege Anton Hunger.

Sie, wie auch ihre Kollegen von Audi und BMW, verlassen sich bei der Abwehr des französischen Ansinnens ganz auf Gerhard Schröder, den "Kanzler aller Autos". Wohl zu Recht. Obwohl die Grünen noch in ihrem Bundestagswahlprogrammm lauthals Tempo 100 versprochen hatten, verweigert Umweltminister Jürgen Trittin nun seiner ebenfalls grünen Pariser Amtskollegin Dominique Voynet (siehe Interview) die Solidarität und hüllt sich in Schweigen. Zuständig sei der Verkehrsminister. Dort aber will man sich in Sachen Tempolimit nicht von den Nachbarn ins Geschäft pfuschen lassen. Eine "Entmündigung" der Autofahrer durch eine Zwangsbremse komme auf keinen Fall in Frage. Leitbild hierzulande bleibe "der eigenverantwortliche Kraftfahrer".

Von einer elektronischen Motordrossel sind freilich die Franzosen selbst inzwischen abgerückt. Aber wenn sie vom 1. Juli an die EU-Präsidentschaft übernehmen, wollen sie dafür sorgen, dass Raser europaweit durch ein lautes Warnsignal in ihrem Gefährt genervt werden. "Es handelt sich nur um eine freundliche Empfehlung", versucht Verkehrsminister Jean-Claude Gayssot jeglicher Kritik vorzubeugen. Schon heute gehört ein solches Warngerät zur Ausstattung mancher Fahrzeuge. Allerdings kann der Fahrer bislang seine persönliche Höchstgeschwindigkeit noch selber einstellen - oder den "nervtötenden Summer" (VDA-Mann Gottschalk) einfach abstellen.

Die EU-Kommission hat Frankreich bereits in helle Aufregung versetzt. "Wir sind vorab nicht informiert worden", klagt Luc Werring, Referatsleiter Sicherheitstechnologie und Umwelt. Die Ironie: Die Kommission selber will Lastwagen über 7,5 Tonnen von Mitte dieses Jahres an bremsen. Hierfür dürfte die Akzeptanz im Transitland Deutschland größer sein als für alle Einschränkungen der freien Fahrt beim Pkw. Bisher werden nur neue Lkw ab 12 Tonnen bei Tempo 90 automatisch abgebremst.