Die Russen lieben Papier. Kleine Quittungszettelchen, sorgfältig mit dem Lineal zweigeteilt, vermitteln die Illusion von Ordnung wie auch die großen theoretischen Entwürfe, in denen die urwüchsige russische Realität einem Plan unterworfen wird. Das neue "Konzept der nationalen Sicherheit" zielt in diese Richtung. Der volltönende Text ließ manche im Westen hochschrecken: Russland senke die Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen! Tatsächlich erwägt Moskau den "Einsatz sämtlicher Mittel, auch atomarer", wenn sich gegen eine "bewaffnete Aggression alle anderen Wege als ineffektiv" erweisen.

Das mag rabiater klingen als der sowjetische Verzicht auf den atomaren Erstschlag, die Propaganda-Praline für die westliche Friedensbewegung. Doch die neurussische Version ist nicht kriegslüsterner als die Nato-Doktrin der "flexiblen Antwort" von 1968. Insofern ist hier erstens Konvergenz zu verzeichnen. Zweitens offenbart die nukleare Warnung das Unvermögen, sich konventionell zu verteidigen. Und drittens war dies bereits in der Militärdoktrin 1999, im Armeestrukturplan 1998 und im Sicherheitskonzept 1997 zu lesen. Das atomare Raunen hat therapeutischen Nutzen für russische Politiker und Generäle. Solange sie nur davon reden, kann der Westen ruhig schlafen.