Die aufwühlende Debatte, die auf dem 42. Deutschen Historikertag im September 1998 in Frankfurt am Main über die "braune Vergangenheit" der Geschichtswissenschaft entbrannte (ZEIT Nr. 39/98), ist noch nicht beendet, der "Durst nach Aufklärung", von dem damals die Rede war, noch nicht gestillt. Die kritische Selbsterforschung der Historikerzunft geht weiter.

Davon zeugt der vorliegende Band, herausgegeben von dem Münchner Historiker Winfried Schulze und seinem Göttinger Kollegen Otto Gerhard Oexle. Er enthält die überarbeiteten Referate und Kommentare, die in Frankfurt Furore machten, dazu bisher unveröffentlichte Beiträge namhafter Historiker wie Jürgen Kocka, Hans Mommsen, Wolfgang J. Mommsen und Hans-Ulrich Wehler, die zur weiteren Diskussion anregen.

Es geht nicht um die vielen willigen Helfer Hitlers unter den Historikern, die das "Dritte Reich" legitimieren halfen, nach 1945 jedoch keine große Rolle mehr spielten. Im Mittelpunkt stehen vielmehr jene, die trotz ihrer intellektuellen Hilfsdienste für den Nationalsozialismus zu "Gründervätern" der bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft und zu Pionieren der modernen Sozialgeschichte avancierten, allen voran: Theodor Schieder und Werner Conze.

Die Autoren des Sammelbandes, zumeist jüngere Historiker, beschreiben detailliert den institutionellen Rahmen (wie die Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften), in dem Hitlers akademische Hilfstruppen beflissen die geistigen Waffen für die Vertreibungs- und Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus geschmiedet haben. Und es kommen auch die Beiträge etwa eines Günther Franz, Hermann Heimpel oder Otto Brunner zur NS-Ideologie zur Sprache. Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf den Königsberger Kreis und die Landesstelle Ostpreußen für Nachkriegsgeschichte, deren "wissenschaftliche" Produktion dem "Grenzkampf" gegen Polen gewidmet war. An dessen vorderster Front: Theodor Schieder und Werner Conze. Beide sahen sie die Juden in Ostmitteleuropa als "Störfaktoren" an. Und einhellig redeten sie, unter dem entsetzlichen Stichwort "Entjudung", einer Bevölkerungsverschiebung größten Ausmaßes, sprich: einer monströsen "ethnischen Säuberung" das Wort.

Theodor Schieder hüllte sich in der Nachkriegszeit über all das in beredtes Schweigen. Und Werner Conze hielt es für "unnötig", über die nationalsozialistische Geschichtswissenschaft zu reden. Eine Verschwiegenheit, die mit erklärt, warum es gut 50 Jahre gedauert hat, bis dieses düstere Kapitel der Wissenschaftsgeschichte aufs Tapet gekommen ist.

Erst die jüngeren Historiker der dritten Nachkriegsgeneration sind unbefangen genug, sich ihm zu stellen. Es gibt für sie noch viel zu tun. Der vorliegende Band vermittelt ein anschauliches Bild von der "selbstgewählten Nähe der Historie zur Staatsmacht" im "Dritten Reich". Zu erforschen ist aber noch die unmittelbare Bedeutung der "wissenschaftlichen" Expertisen für Hitlers völkermörderische "Lebensraum"-Politik. Ob die besonders belasteten Historiker im ursächlichen Sinne "Vordenker der Vernichtung" gewesen sind, bleibt eine offene Frage.

Winfried Schulze/Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus