Man lehnt sich gern zurück, wenn dieses spezielle Rauschen aus den Boxen dringt. Der akustische Nebel alter Schellacks und ihrer Matrizen liegt sanft über der Vergangenheit, durch ihren verengten Klang späht man wie durch einen Tunnel. Doch wir sollten uns nicht zu sicher fühlen. Die Grenzen der alten Technik können nicht nur verschleiern, sondern auch verschärfen.

Denn wo der Tonträger noch als Provisorium deutlich ist, kann das Original umso stärker leuchten. Und selten leuchtete es wie an jenem Wintertag in Amsterdam, als die Telefunken den Don Juan von Richard Strauss aufnahm (CD-Remake auf Teldec 3984-28409-2). So anspringend, so sich-ereignend ist das geniale Tonpoem nirgendwo gespielt worden wie vom Concertgebouw-Orkest unter Willem Mengelberg am 8. November 1938.

Dieser Don Juan ist ein böses, glühendes Raubtier, das einen glücklich macht.

Schon in den ersten Takten werden Blechbläsertöne mehr entblößt als geblasen, als fletsche es seine Zähne. Falls es auch akustische Mängel sein sollten, die sie schärfen, dann verstärken sie nur, was Mengelberg verlangt. Der 67-jährige Dirigent brennt vor Neugier auf ein Stück, das er seit Jahrzehnten kennt.

Er befreit es von aller Vertrautheit und gestaltet mit Farben und Tempowechseln keine Oberfläche, sondern drängt zur Essenz. Wenn er mit nachfassenden Akzenten die Eroberung steigert und beim Knick zur Tändelei bei 10'07'' so deutlich abbremst, dass die Musik sich von der Seite ansieht, geht das weit über bloße Leidenschaft hinaus. Unablässig entdeckt Mengelberg neue Szenen und Ebenen. Schamloser und schärfer lässt sich auf punktierten Rhythmen nicht zu sinnlichen Triumphen reiten, aber schutzloser auch kein Hirtenidyll denken mit naiv klagender Oboe. Mal nimmt er ganz nüchtern eine Fagottlinie unter die Lupe, mal lachen die Blechbläser hart und verachtend und lassen einem das Blut gefrieren. Man merkt, dass dieser Dirigent nicht nur mit Strauss, sondern auch mit Mahler groß wurde.

Und dass seine 50 Jahre als Chefdirigent für das Concertgebouw-Orkest wichtiger waren, als das bis heute zugestanden wird. Denn nach 1945 durfte Mengelberg nicht mehr in Holland dirigieren. Man warf ihm seine konziliante Haltung zu Hitler vor, und erst in jüngerer Zeit wird eingeräumt, dass er auch verfolgten Kollegen half. Ein Schlussstrich lässt sich nicht ziehen.

Zweifellos war er ein verführbarer Mensch. Und den Verführer Juan hat er in aller Dämonie und Schönheit, als Bestie, Zyniker, Entdecker so entfesselt, dass wir nicht mehr gelassen durch den Nebel der Schellacks blicken können.