Ein Glück, dass es die Grippe gibt. Impfstoffhersteller freuen sich, weil sie ihre Ware loswerden. Ärzte sind dankbar, weil sie ein Argument in die Hand bekommen, warum sie auch in diesem Jahr wieder ihr Medikamentenbudget überschreiten müssen, und deutsche Ärztefunktionäre frohlocken, weil sie wieder einmal Gelegenheit haben, ein düsteres Bild der grausamen britischen Sparmedizin an die Wand zu malen.

Dort schlägt die Grippewelle gegenwärtig besonders hart zu. Reihenweise müssen die Patienten auf den Fluren der Hospitäler liegen oder auf der Suche nach einem der wenigen Intensivbetten durchs Land irren. Arme Briten.

Die Grippewelle wirft die Frage auf: Wie viel Betten braucht ein Land? Oder andersherum gefragt: Wie viel Bettenabbau erträgt ein Gesundheitssystem?

Benötigen wir wie bei Kraftwerken reichlich Überkapazitäten für Spitzenlasten? Müssen wir für den Fall der Influenza, der Tropenseuche, der Massenvergiftung ein paar Extrakrankenhäuser in petto halten? Braucht man auf 1000 Einwohner 10 Betten wie in Deutschland oder eher 5 wie in Großbritannien?

Die Briten haben das untere Ende der Sparmedizin erreicht. Das Land der Wartelisten zeigt deutlich, wie gefährlich eine Minimalversorgung im Ernstfall werden kann. Wenn schon eine gewöhnliche Grippewelle das ganze System lahm legt, ist das untere Ausgabenlimit erreicht. Nur sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Gesundheitsausgaben sind zu wenig, den Patienten von der Insel seien ein oder zwei Prozent mehr gegönnt. Ob aber zehn Prozent, wie in der Bundesrepublik, automatisch eine ausgezeichnete Versorgung garantieren, ist ebenso fraglich. Für eine vernünftige Krankenversorgung sind andere Faktoren wichtiger: die Qualität der Ausbildung und der konstruktive Umgang mit Schwachstellen.

Viele leer stehende Krankenhausbetten wollen gefüllt sein. Nach wie vor wird hierzulande zu schnell eingewiesen, und die Liegezeiten in deutschen Krankenhäusern sind im europäischen Vergleich zu lang. Dieser Trend kehrt sich zwar seit ein paar Jahren um, allerdings nicht ohne den Widerstand der leitenden Ärzte, die jeden Anlass nutzen, das englische System zu denunzieren.

Denn Chefärzte lieben viele Betten. Ein Chefarzt ohne Betten ist wie ein Admiral ohne Flotte. Ein niedergelassener Arzt, der nicht en gros Grippemittel verschreibt, weil es die Kundschaft so will, wäre ein schlechter Kaufmann. Medien, die nicht jedes Jahr die Grippewelle für gewaltige Schlagzeilen nutzen, würden einen Auflagenschub verpassen. So viele Interessen, so viele Chancen. Wie gesagt: Ein Glück, dass es die Grippe gibt.