Der Mann ist ein Schwerathlet. Einmal im Jahr ermutigt er die Menschen am Zonenrand. Dann hebt der Theaterdirektor sein ganzes Haus in die Höhe, höher und immer höher, bis die Bühnentechnik knirscht und die Schauspieler ächzen.

Aber kein Thomas Bernhard besingt seinen Namen, Christoph Schroth ist ein Theaterkönig im Abseits. In Cottbus. Nächster Halt: Polen.

Christoph Schroth hat wenig Zeit. Er steckt in Proben, bis über beide Ohren, für die 6. Zonenrand-Ermutigung - ANTIKE am ersten Februarwochenende. Am Jahrtausendanfang ein Blick zurück nach vorn. Der Trojanische Krieg und die Folgen, Menschen auf der Flucht, eines der großen Themen der nächsten Jahrzehnte. Vier ausgewachsene Stücke an einem Abend, drei davon inszeniert der Intendant selbst.

Cottbus. Der Reisende ist einem Gerücht gefolgt. Während überall in Ostelbien die Bühnen nur mehr am Rand der voll verkabelten globalisierten Gesellschaft dahinkümmern, behauptet hier ein Theater, allen voran das Schauspiel, mit messerscharf zugespitztem Ostprofil seine Stellung im Zentrum des Gemeinwesens. Selbst die Kassenverwahrer aus Stadt (49 Prozent) und Land (51 Prozent) entrichten ihren Obolus ohne Murren. Es sind 35 Millionen.

Im Hotelzimmer liegt ein Prospekt des Verkehrsamtes aus, der sich vor Lobpreisungen des "in allen Sparten brillierenden Ensembles" gar nicht lassen kann. Eine Stadt wirbt mit ihrem Theater? Der Reisende ist verwundert. Wenn sich die Theater in die Gesellschaft einmischen, wenn sie den Nerv der Menschen treffen, werden sie auch gebraucht, sagt Christoph Schroth. Mit Piscator und Schiller ins 21. Jahrhundert, das Theater als Trutzburg der Aufklärung? Wie, bitte, funktioniert "Einmischung"?

Schroth lacht. War das eine dumme Frage? Aus seinem Büro in der Karl-Liebknecht-Straße blickt "der Chef" auf die "City". Links ein Neubauriegel aus den Siebzigern, rechts die barock gesprenkelte Altstadt.

Über der leeren Mitte, einem Grünstreifen mit Straßenbahngleis, wölbt sich die Fußgängerbrücke mit schwungvoller Gebärde ins Nirgendwo. Großes Haus und Kammerbühne, das "Funktionsgebäude" mit der Verwaltung - dem Theater begegnet man in der Innenstadt fast an jeder Ecke.