Das hätte nicht sein müssen

TBT - drei Buchstaben, die für die höchst schädliche Verbindung Tributylzinn stehen. TBT hat in den vergangenen beiden Wochen für Aufregung gesorgt: Weil es in Spuren in Sportbekleidung gefunden wurde und die Öffentlichkeit sehr sensibel reagierte, wurde die Ware aus dem Verkaufsregalen genommen. Mancher bekannte Hersteller geriet in die Defensive.

Das hätte nicht sein müssen! Spätestens seit den frühen achtziger Jahren ist bekannt, dass TBT eine der schädlichsten Verbindungen ist, die vom Menschen in die Umwelt eingebracht wird. Als Schiffsanstrich - der größte Anwendungsbereich - verhindert TBT, dass sich Schnecken und andere Lebewesen am Rumpf festsetzen. Sie würden den Fahrwiderstand der Schiffe vergrößern.

Schon ein Teil TBT auf eine Trillion Teile Wasser (1 : 1 000 000 000 000!)

kann Schnecken und Krebse schädigen. Das dürfte der Grund für manchen Artenschwund in den Küstengewässern sein. Zudem gehört TBT zu jenen heimtückischen Chemikalien, die sich in Organismen stark anreichern und nur langsam abgebaut werden. Auch wirkt TBT bei Schnecken hormonell: Die Tiere vermännlichen. Die seit langem gehegte Vermutung, diese Wirkung beträfe nur Weichtiere, ist durch neuere Untersuchungen erschüttert worden. Auch beim Menschen sind solche Folgen nicht mehr auszuschließen. Dass TBT keinesfalls nur als Schiffsanstrich, sondern auch in Textilien eingesetzt wird, ist spätestens seit 1988 bekannt. Das "Beratergremium für umweltrelevante Altstoffe" (BUA) veröffentlichte damals einen umfassenden Bericht zu TBT.

Was lehrt uns der Fall? Wir müssen die bekannten Risiken von Chemikalien zügiger begrenzen. Und wir müssen schneller und systematischer die Risiken ermitteln, um sie auf ein tolerierbares Maß zurückzuführen. Ohne diese Vorsorge werden nicht nur Mensch und Umwelt unnötigen Risiken ausgesetzt.

Vorsorge dient auch dazu, wirtschaftliche Werte wie Arbeitsplätze und den guten Namen einer Marke zu erhalten.

Konkret heißt das: Hersteller, Anwender und Staat müssen bereits bekannte Risiken von Stoffen - wie bei TBT - zügiger und umfassender begrenzen. Das reicht von der Kennzeichnung bis zum Produktions- und Anwendungsverbot. So wurden zwar TBT-haltige Schiffsanstriche für Schiffe bis 25 Meter Länge auf Vorschlag des Umweltbundesamtes vor geraumer Zeit verboten. Auch ist ein internationales Anwendungsverbot für größere Schiffe absehbar. Maßnahmen für die Bekleidung fehlen allerdings. Warum hören wir jetzt vom Verband der Chemischen Industrie, dass TBT nichts in Kleidung zu suchen habe, obwohl auch den Chemieunternehmen seit mehr als zehn Jahren bekannt ist, dass dies trotzdem so ist? Wo bleiben hier die Erfolge des eigenverantwortlichen Umgangs mit Chemikalien, den die chemische Industrie seit Jahren unter dem Motto responsible care propagiert? Wartet man auf staatliche Regulierungen?

Das hätte nicht sein müssen

Rund 100 000 synthetische Stoffe sind erfasst. Ihre Risiken müssen wir schneller und systematischer ermitteln. Das deutsche "Altstoffprogramm" hat hier wichtige Beiträge geleistet. Von Anfang der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre wurden immerhin rund 220 Chemikalien auf ihre Risiken geprüft. Diese hoffnungsvollen Zeiten sind vorbei, seit sich die Europäische Union der Altstoffprüfung vor rund fünf Jahren annahm. Seither wurden lediglich 21 Chemikalien geprüft. Nur falls es schnell gelingt, die gefährlichen Stoffeigenschaften, den Chemikalieneintrag in die Umwelt sowie den Chemikalieneinsatz in Produkten speziell für in großen Mengen hergestellte Stoffe zu erfassen, können vernünftige Risikoanalysen gemacht werden. Die Europäische Union will hier auf deutsche Initiative hin Tempo machen.

Die Risikoanalysen sollten künftig stärker dem Vorsorgegedanken entsprechen.

Die für die belebte Natur erkannten Gefahren - und erst recht Schäden - sollten als Warnsignal auch für die menschliche Gesundheit verstanden werden.

Das heißt nicht, dass Schädigungen von Tieren auf direkte Schädigungen des Menschen schließen lassen

aber man sollte dann besonders genau hinsehen.

Diese Risikoanalysen müssen die gefährlichen Eigenschaften der Stoffe einschließen. Sie sollten die Basis für schnelle, eigenverantwortliche Risikobegrenzungen durch Hersteller und Verwender von Chemikalien und - falls dies nicht genügt - für staaliche Regulierungen sein. Bei Stoffen, die in der Umwelt langlebig sind und sich in Lebewesen anreichern, sollte man das Verbot jeglicher umweltoffener Anwendung anstreben. Ohne diese Maxime wird man dem Gebot unseres Grundgesetzes in Artikel 20 a kaum gerecht werden können: dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen auch für zukünftige Generationen.