Als junger Psychologe arbeitete Daniel Schacter in einer Klinik für hirngeschädigte Patienten. Mit einem von ihnen unterhielt er sich beim ersten Gespräch problemlos. Er schien nichts Außergewöhnliches an sich zu haben.

Doch als der Psychologe ihn wenige Minuten später wieder traf, konnte der Patient sich nicht mehr erinnern, dass beide sich jemals begegnet waren.

Diese Jahrzehnte zurückliegende Erfahrung faszinierte Schacter so sehr, dass er sich als Professor in Harvard heute noch immer der Gedächtnisforschung verschrieben hat. Mit dieser Episode beginnt sein Buch Wir sind Erinnerung, und es ist nur die erste von vielen Geschichten aus der seltsamen Welt des menschlichen Gedächtnisses.

Wer sich von Oliver Sacks (Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte) in den Bann der Fallbeschreibungen ziehen ließ, wird auch den Schilderungen von Schacter gerne folgen. Doch anders als der Bestseller-Neurologe Sacks liefert der renommierte Gedächtnisforscher Schacter zu den Geschichten einen fundierten Überblick über die aktuellen Theorien zu seinem Thema mit.

Seine Golfpartien mit dem schwer amnesiekranken Patienten Freddie zeigen, dass das Gedächtnis aus verschiedenen Teilgedächtnissen bestehen muss. So funktioniert Freddies semantisches Gedächtnis bestens, munter plaudert er über Explosionsschläge und ähnliche Spezialitäten des Sports. Auch auf sein "prozedurales" Gedächtnis kann er sich verlassen: Die für die Steuerung der Bewegung notwendigen Erinnerungen ermöglichen es ihm, den Ball passabel über den Platz zu schlagen. Doch das episodische Gedächtnis ist offensichtlich etwas anderes - einzelne Ereignisse kann Freddie sich nicht merken. Schon wenige Minuten nach einem Abschlag weiß er nicht mehr, wohin der Ball geflogen ist. Und als Schacter ihn zwei Wochen später zur nächsten Partie abholt, behauptet Freddie, monatelang nicht mehr gespielt zu haben. "Ich hatte nicht das Herz, ihm die Wahrheit zu sagen", berichtet Schacter.

Offenbar gibt es sogar noch weitere Gedächtnisarten. Eines davon, das so genannte Priming-System, arbeitet automatisch und unbemerkt. Schacter und seine Mitarbeiter benutzten es, um an Gedächtnisverlust leidende Patienten mit einer speziellen Trainingsmethode das Arbeiten am Computer beizubringen.

Sie lernten Programmieren und beherrschten es auch nach einem Jahr noch. Doch manche erinnerten sich nicht, je an einem Computer gearbeitet zu haben. Ihrer Starpatientin Barbara brachten die Wissenschaftler so viel bei, dass sie trotz schwerer Gedächtnisausfälle nach einer Gehirnentzündung einen einfachen Bürojob erledigen konnte.