Wenn die Köpfe von Fußballern zusammenkrachen Viele Forscher beschäftigen sich am liebsten mit der Frage, welcher Teil des Gehirns für welche Gedächtnisleistung zuständig sein könnte. Schacter belässt es gnädigerweise bei den wesentlichen Theorien und erspart dem Publikum den Wust von widersprüchlichen Befunden, der andere Bücher über das Gedächtnis unlesbar macht. Lieber druckt er Bilder aus seiner Kunstsammlung ab, in der sich Maler mit dem Gedächtnis auseinander setzen. Auf denen ist im kleinformatigen Schwarz-Weiß der deutschen Ausgabe zwar nicht viel zu sehen, doch bleibt der gute Wille erkennbar.

Mehr Spaß beim Lesen machen die Berichte über originelle Forschungsmethoden.

Ein Wissenschaftlerteam wollte beispielsweise testen, was Menschen aus einem bestimmten Lebensabschnitt behalten haben. Nach einigem Nachdenken erkundigten sie sich nach Details aus Fernsehserien, die nur zu dieser Zeit liefen. Andere Spezialisten meinten, dass es zu irgendetwas gut sein müsse, wenn Football-Spieler die Köpfe aufeinander donnern. Sie besuchten regelmäßig die Spiele einer College-Mannschaft in der frohen Hoffnung auf ein paar anständige Gehirnerschütterungen. Nach dem Zusammenstoß eilte ein Forscher aufs Feld und befragte den benebelten Sportler. So fanden sie heraus, was passiert, wenn die Speicherungsprozesse des Gehirns jäh gestört werden.

Denn Erinnerungen werden nicht einfach passiv nach Art eines Videorecorders abgespeichert. Wenn Eindrücke im Gedächtnis haften sollen, müssen sie zunächst analysiert werden. Geschieht dies nur oberflächlich, erinnert man sich später nicht einmal an einfache Details von tausendmal gesehenen Dingen.

Deshalb können sich die meisten Menschen kaum entsinnen, was die Münzen zeigen, mit denen sie jeden Tag hantieren.

Ebenso viele komplizierte Prozesse verbergen sich hinter dem scheinbar einfachen Abrufen von Erinnerungen. Das Gedächtnis nimmt gespeicherte Informationen an eine bestimmte Episode, ergänzt sie um weitere aus vielleicht ganz anderen Quellen und rekonstruiert so ein vermeintlich originalgetreues Bild. "Aus ein paar eingespeicherten Knochenstücken", zitiert Schacter seinen Psychologenkollegen Ulrich Neisser, "erinnern wir einen Dinosaurier." So machte es auch John Dean, ein Berater des mit ihm in die Watergate-Affäre verstrickten Richard Nixon. In seiner Aussage erinnerte er sich anscheinend wörtlich an Gespräche mit dem Expräsidenten. Erst als später die Tonbandmitschnitte aus dem Weißen Haus veröffentlicht wurden, zeigte sich, dass Deans Gedächtnis die Szenen neu geschrieben hatte. Es gab nur die Punkte richtig wieder, die immer wieder erörtert worden waren, und verband sie mit erfundenen Einzelheiten zu einem Gesprächsablauf.

Suggestive Befragungsmethoden können in einem so fragilen System leicht für falsche Erinnerungen sorgen. Entsprechende Vorwürfe mussten sich Therapeuten gefallen lassen, die bei ihren meist weiblichen Patienten umstrittene Erinnerungen an sexuellen Missbrauch bis hin zu satanischen Ritualen zutage förderten. Schacter schildert etwa den Fall von George Franklin, dem seine erwachsene Tochter vorwarf, ihre damals neunjährige Freundin vergewaltigt und ermordet zu haben. Erst ein Berufungsgericht wollte sich auf die plötzlich wieder aufgetauchte Erinnerung der Tochter nicht mehr verlassen und ließ den Vater nach jahrelanger Haft frei.